Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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532 Deutsche Treue und jüdische Treue. Wie einseitig diese Betrachtungsweise ist, ergibt sich schon aus dem Umstand, daß zur Darstellung des Deutschtums immer die Epoche unserer klassischen Dichtung und Philosophie herangezogen wird, eine Epoche; in der das deutsche Volk ganz und gar nicht die Kräfte entfaltete, die wir heute in so bewundernswerter Weise am Webstuhl der Zeit wirken sehen. Die Beherrschung der Technik, die Wunder der Organisation, die Meisterschaft unseres Generalstabs, die Tapferkeit und Ausdauer unserer Soldaten, sie sind doch schwerlich aus den Eigenschaften abzuleiten, die das Volk der Dichter und Denker auszeichneten. Und wie sagte Hindenburg? Das Volk wird siegen, das die stärksten Nerven hat. Die stärkeren Nerven gibt weder der Idealismus der deutschen Philosophie, noch die deutsche Kunst, noch der deutsche liberale Protestantismus, der nach Cohen ja die Blüte der christlichen Religion ist. Hindenburg ist mir aber für diese Frage immer noch eine größere Autorität als der bedeutendste Philosoph. Daß freilieh Charaktereigenschaften Einfluß auf die ״Nerven״ haben, soll nicht bestritten werden. Noch von einem anderen Gesichtspunkt aus erscheint jene beliebte Heranziehung der Periode des deutschen Humanismus zur Erklärung der deutschen Eigenart verfehlt. Unser klassisches Zeitalter bietet die reifen Früchte der Keime und Blüten, welche dem Denken und Dichten der anderen Völker entsprossen. Jedem Kenner der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts drängt sich die Folgerichtigkeit der geistigen Entwickelung von den Engländern über die Franzosen zu den Deutschen mit so zwingender Gewalt auf, er weiß, daß Lessing und Herder und Kant und Schiller und Goethe ohne Shakespeare und Newton, ohne Descartes, Voltaire und Rousseau so völlig undenkbar sind, er weiß, daß unsere Großen deshalb die Größten sind, weil sie nach jenen Bahnbrechern gekommen sind und das vollendeten, was jene begonnen. — daß er nie die eigentlich große Welt der Gedanken und Gefühle unserer Klassiker auf eine spezifisch deutsche Eigenart zurückführe 11 wird. Im übrigen genügt wohl der eine Name Goethe. Wer