Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 11 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegen den Astheticismus. 49S sich nicht bewährt. Und darum bleibt auch für die Folgezeit es bestehen: Wie der einzelne Grundsätzen und Handlungen, die er angesichts des Todes für verfehlt hält, damit das Urteil gesprochen hat, so sind auch sittliche Ziele, die das Volksbewußtsein in dem Augenblick verwirft, da es sich zum ״Ungemeinen'•‘ erhoben, für immer gerichtet. Wir haben uns im Vorhergehenden gegen den Astheticismus gewandt, der zur Wurzel der Welt- und Lebensanschauung und zum beherrschenden Prinzip der Lebensführung wurde. Nicht zu verwechseln damit ist die hohe Wertschätzung der Kunst. Aber wir möchten auch bei ihr einen Augenblick verweilen. Denn der Astheticismus ist nichts anderes als eine Überschätzung der Bedeutung des Schönen, das Streben, die Kunst und ihre Forderungen ohne Rücksicht auf andere Seelentätigkeiten des Menschen durchzusetzen. Ist diese absolute Wertschätzung der Kunst berechtigt? Kann derjenige, der die Vervollkommnung der Menschheit, ihre sittliche Vollendung wünscht, anerkennen, daß der Kunst keine Schranken gesetzt werden dürfen. Nehmen wir wieder ein Beispiel aus der redenden Kunst: die Romane von Emil Zola. Zola ist uns als Vorkämpfer der Gerechtigkeit in seiner Persönlichkeit sympathisch, und als Dichter darf er vielleicht als der größte Epiker im verflossenen Menschenalter gelten. Sein Cyklus Rougon-Maquart führt uns in grandioser Weise die Bedeutung der Vererbungsidee in der Geschichte einer Familie vor Augen. Über die naturwissenschaftliche Wahrheit dieser Idee soll hier nicht gestritten werden. Einzelne Romane dieses Cyklus wie ״der Totschläger“, ״Germinal“ sind sicher unsterbliehe Meisterwerke. Der Erwachsene, der mit gefestigten Anschauungen und in sittlicher Reife an die Lektüre dieser Epen herantritt, wird nicht nur immer wieder bis in das Innerste ergriffen von der Kunst dieser Darstellung, sondern auch in seiner ethisch-religiösen Durchbildung gefördert, und sei es auch, daß sein alter Besitzstand erschüttert wird, dadurch daß ihm die Probleme in sichtbarer Deutlichkeit vor Augen treten und er so gezwungen wird, das überlieferte religiöse Erbgut von neuem