Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 11 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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493 Gegen den Ästhet! cismus. Astheticismus war das im alten Sinne dieses Wortes, Hervorkehrung der Gefühlssphäre im Menschen. Aber das wollte man nicht gelten lassen, man täuschte die anderen oder auch sich selbst und gab es für ein Leben in Schönheit aus. Ünd so wurde der Astheticismus geboren, der allen Ansprüchen der Ichsucht das Mäntelchen der Seelenharmonie umhing. Diejenigen, die mit unserer klassischen Literatur vertraut sind, werden sich erinnern, was zu jener Zeit ״eine schöne Seele״ war. Und sie werden den ganzen Mißbrauch, der mit dem Ideal der Schönheit getrieben wurde, erkennen, wenn sie damit das vergleichen, was in unserer Zeit als ״eine schöne Seele“ galt und daß ein Gabriele FAnnunzio. dieser nicht nur durch sein Leben, sondern auch in seinen Schriften abscheuerregende Schriftsteller als ein Künder dieser Schönheit gepriesen wurde. Gabriele d’Annunzio! Wir haben ein kurzes Gedächtnis. Wie wäre es wohl dem von uns ergangen, der vor dem Kriege die Kunst dieses Wollüstlings mit den rechten Worten zu bezeichnen sich erkühnt hätte. Aber so groß war die Macht des überall sich breit machenden Astheticismus, daß um der zweifellos vorhandenen Schönheit der Form willen auch der ekelerregendste Inhalt verziehen wurde und dieser Verworfene uns als Dichter angepriesen wurde, dessen Werke der ״Gebildete“ kennen mußte. III. Hufeland sagt einmal in seiner ״Makrobiotik“: Unzählige Dinge, die uns das Leben verbittern, die uns auf Irrwege führen und uns schuldig werden lassen, würden uns erspart, wollten wir sie immer unter dem Gesichtspunkt betrachten, den wir an sie auf dem Sterbebette anlegen würden. Hufeland hat diese Regel als Gesundheitsregel ausgesprochen, als ein Mittel, das Leben hienieden zu verlängern. Ähnlich sagen schon unsere Weisen als religiöse Forderung: ״Stelle dir jeden Tag deines Lebens als den Tag deines Todes vor“. Was für den einzelnen das Sterbebett, das ist für das Volksganze der Krieg. ״Das große gigantische Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt“ es hat mit allem Flitter.