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Jeschurun · 1915-11-01 · Heft 11 (November 1915) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 11 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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492 Gegen den Ästheticismus. so können wir — immer mit der nun mehrfach hervorgehobenen Einschränkung — sagen: Auch hier ist der Ästheticismus zu spüren, das Streben einer Zeit, das Wahre und Gute über dem Schönen zu vernachlässigen. Das letzterwähnte Schlagwort des ״Sichauslebens“ gibt uns den Schlüssel. Es ist uns geläufig mit dem Nebensinn der schrankenlosen Hingabe an die Leidenschaft. Aber so ist es selbstverständlich nicht von den Vorkämpfern dieser Forderung gemeint. Sie wollen darin zum Ausdruck bringen, daß der Gegensatz zwischen den Forderungen des eigenen Ich und den Pflichten, die altüberlieferte Anschauungen von uns heischen, aufzuheben ist, daß die Beschränkung, in die der einzelne sich selber bannt, weil er von der Ethik der Vergangenheit nicht loskommen kann, endlich ein Ende nehme, daß alle Möglichkeiten der Entwicklung, die in uns gelegt sind, restlos ausgenutzt werden, daß so eine Harmonie der Seelenkräfte hergestellt werde, die den einzelnen beglückt und durch das Glück des einzelnen auch die Gesamtheit zu einer immer höheren Stufe erhebt. Es hat zu keiner Zeit ein System der Ethik gegeben, die das Schlechte an sich dem Menschen als Ziel hinstellte. Auch die Ethik Epikurs und die der Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts ist bekanntlich achtunggebietend. Es kommt immer darauf an, welcher Hauptgedanke in den Vordergrund gerückt wird und wie dieser Gedanke dann von der Masse aufgenommen und entstellt wird, so daß er entartet und zur Wurzel ungesunden Wachstums wird. Die Harmonie des Schönen, Guten, Wahren ist ein Ideal unserer großen Denker und Dichter. Aber dadurch, daß der einzelne aufgerufen wurde, zu bestimmen, wie diese Harmonie zu gestalten wäre und sein Gefühl, sein Empfinden, seine Triebe das Maß bestimmen sollten, gelangte man zu jener Auffassung der Pflichtenlehre, für die das Individuum alles und die Nebenmenschen in Familie, Genossenschaft und Staat nur wenig bedeuteten.

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