Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 11 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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491 Gegen den Ästheticismus. Mensch, der nicht geschunden wird, wird nicht erzogen“ wurde gründlich in sein Gegenteil verkehrt. Mehr Freiheit und Erleichterung im Lernen und im Denken wurde die Parole. Den ungeheuren Abstand zwischen der früheren und der Jetztzeit in der Stellung des Schülers zum Lehrer, in dem Maß der Arbeitsleistung und dem Ernst des Arbeitens kann nur der ermessen, der selbst vor einem Menschenalter Schüler war. — Berufstreue und Berufsehre wurde der immer wilderen Jagd nach materiellen Gütern zum Opfer gebracht, und im politischen Leben waren die Parteien der Staatserhaltenden wohl gehaßt, weil sie noch einen sehr großen Teil der Macht in Händen hielten, aber, was ihre Gesinnung und ihre Ideen anbetraf, zur Bolle der komischen Alten verurteilt, die ernst zu nehmen oder zu widerlegen sich nicht lohnte. Wir haben von vornherein betont, daß wir den Vergleich zwischen der Zeit vor dem Kriege und der Zeit, die wir jetzt durchleben, nur unter einem Gesichtspunkt durchführen wollen. Deshalb können wir hier nicht die Gesamtheit aller geistigen Strömungen uns vor Augen führen und abwägen, wieweit in allen jenen Bestrebungen ein berechtigter Kern war. Nichts liegt uns ferner, als mit den soeben vorgebrachten Klagen den Stab zu brechen über alles, was an neuen Ideen über Frauenrecht, Kindererziehung, Standesinteressen, politische Bechte in der jüngst vergangenen Zeit vorgebracht und durch gekämpft worden ist. Aber das steht fest, daß die Masse der Gebildeten oder sagen wir Heber der Halbgebildeten, ein großer Teil ihrer Presse und ihrer Wortführer, die den ״Pulsschlag der Zeit*‘ Wiedergaben, sich der Glückslehre verschrieben hatten, der Lehre, daß das Glück des einzelnen Pflicht sei, ״die Pflichten, die wir uns nur auf das Gebot des Gewissens auferlegen, bleischwer sind״, daß ״die Lust das Segel ist, das den Wind äuffängt, ihr leisester Hauch mehr Schwung gibt als der ganze Pflichtengeist״, daß sie die Schlagworte nachbeteten von Lebensglück und Lebenstrunkenheit, von der Pflicht, ״sich auszuleben״. Und wenn wir fragen: Was gab all diese Anschauungen und Bestrebungen die Kraft, sich der Seelen zu bemächtigen.