Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 11 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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490 G-egen den Ästheticismus. auch das Pflichtbewußtsein untergraben wurde. Die Autorität des Göttlichen wurde ununterbrochen als der Feind hingestellt, der sich den Fechten des Individuums entgegenstellt. Aber mögen die Ursachen auch mannigfacher Art sein, Tatsache ist, daß vor dem Kriege theoretisch und praktisch für das größtmögliche Glück des einzelnen erbittert gestritten wurde. Und die Stürmer traten mit einem Selbstbewußtsein auf, mit einer so energischen Überzeugung, die Zukunft gehöre ihnen, daß man Schritt auf Schritt vor ihnen zurückwich und die Vorkämpfer der Ideale früherer Zeiten nur zu bremsen suchten, aber die innere Berechtigung der Grundforderungen jener modernen Lebensanschauung nicht anzuzweifeln wagten. In Haus und Schule, im Beruf und in der politischen Betätiguug, überall ertönte der Schrei nach Erweiterung der Rechte und Beschränkung der Pflichten. Die Zurückhaltung und Keuschheit der Frau, die Reinheit der Ehe war in breiten Kreisen geschwunden. Die Überzeugung, daß dieser Institutionr die ein Grundpfeiler aller wahren Sittlichkeit, jeder echten Kultur ist, Opfer gebracht werden müssen, wurde belächelt. Daß zwei Menschen, die sich für ihr Leben gebunden und binden müssen, soll die Ehe auch in Zukunft die Grundlage einer immer vollkommeneren Fortbildung des Menschengeschlechts werden, daß die Ehegatten zusammenbleiben müssen, wenn auch nicht alle Blütenträume einer jungen Liebe reifen, das wurde bestritten. Denn das Glück des einzelnen sei ein unantastbares Recht. — Und wie gegen die alte Auffassung von der Ehe, so lief man Sturm gegen die Autorität der Eltern. Die Eltern sollten auch fernerhin die Ernährer der Kinder sein, aber nicht ihre Erzieher. Dem Vater die Arbeitslast und der Mutter die Schmerzen, aber dem Kinde Freiheit von Sorge und Arbeit und Mühe. Froh und glücklich soll es durch die Jugend schreiten und Dankbarkeit und Verehrung auch in der Folgezeit nur dadurch abstatten, daß es seinen eigenen Weg geht, unbekümmert um die Aufgaben, Ziele und Hoffnungeu, welche die Eltern für es erstrebt. — Und wie im Haus, so in der Schule. Der alte Satz griechischer Weisheit: ״Der