Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 11 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegen den Ästheticismns. 483 schließt. In die Kunst flüchtet sich, wer seinen Glauben verloren. Es ist der gleiche Vorgang, der unsere Zeit charakterisierte. Vor dem Ansturm einer selbstherrlichen Metaphysik, vor den Forderungen einer von eigensüchtigen Interessen beherrschten Lebensrichtung hatte die Religion der gebildeten "Welt die Waffen gestreckt. Von allen Dogmen hatte sie sich losgesagt. Was zugleich Fundament, Mauern und Balken ihrer religiösen Heimstatte war, das ließen sie zerfallen oder trugen sie leichten Herzens mit eigenen Händen ab. Und vor der Kälte, die sich nun auf alle wärmeren Regungen des Herzens legte, flüchtete man in die Wunderwelt der Schönheit und Kunst. Die Liebe zu ihr vermag — so meinte man — mit Zauberbanden den Menschen durchs Leben zu geleiten- Das wurde natürlich nicht so klipp und klar ausgesprochen. Dann wäre der Widersinn und die Unmöglichkeit des Beginnens ja sofort zutage getreten. Nur in den Flegeljahren der neuen Epoche verführte jugendlicher Leichtsinn die Stürmer zu solchen Unvorsichtigkeiten. David Friedr. Strauß war noch so naiv in seinem ״alten und neuen Glauben“, ohne weitere Einschränkung die Kunst als Surrogat für die Religion vorzuschlagen. Uber derartige plumpe Versuche war man hinaus. Die Religion tritt uns auch bei den Modernen als eine selbstständige Macht, die ihre Rechte an den Menschen hat, entgegen. Doch wenn wir vielen geistigen Bewegungen der Neuzeit, soweit sie zur Religion in Beziehung treten, auf den Grund gehen, wenn wir diese Auseinandersetzungen mit der Religion, diese Versuche, ein neues religiöses Glaubensbekenntnis zu schaffen, auf ein gemeinsames Prinzip bringen, dann zeigt sich überall das Vorwiegen des Astheticismus, ein Schwärmen für Schönheit in Natur und Kunst, für die innere Harmonie im Seelenleben des Menschen. Von zwei Seiten drangen die Fluten der Zeitströmungen auf das Bollwerk der alten Religion ein. Die Naturwissenschaft schwemmt den Monismus heran und die moderne Psy- •chologie den ethischen Individualismus. Zwei Grundpfeiler des 32*