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Jeschurun · 1915-11-01 · Heft 11 (November 1915) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 11 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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482 Gegen den Ästheticismus. erörtern, welche Ideale der Menschheit oder besser gesagt vielen führenden Geistern vorangeleuchtet haben und inwiefern diese Leuchten sich als Irrlichter erwiesen, dieser Versuch sei im folgenden unternommen. Wie in unserm früheren Betrachtungen zum Kriege nehmen wir auch hier zu den Fragen Stellung als deutsche Juden, weil wir die inneren Wandlungen, die unser Innenleben erfahren, nur an uns er em Volke annähernd feststellen können. Doch haben wir wohl ein Recht, das bei uns Wahrgenommene zu verallgemeinern. I Unsere Zeit wies viele verwandte Züge mit der des sinkenden Griechentums auf. Man darf natürlich bei dem Vergleich sich nicht an Äußerlichkeiten halten. Wie gewaltig hat sich die Menschheit in diesen beiden Jahrtausenden entfaltet. Doch wenn wir auf den Menschen blicken, der in seinem Streben und Irren sich immer gleich geblieben, wenn wir auf das Wesen der geistigen Bewegungen sehen, dann überrascht uns die merkwürdige Übereinstimmung in den geistigen Strömungen so weit voneinander geschiedener Zeiten. Die Religion der gebildeten Welt — und das Griechentum repräsentierte damals die Welt — lag in den letzten Zügen. So wenig der Polytheismus dem griechischen Altertum bot, er war doch immer Religion, heilige Scheu vor höheren Mächten, Grundlage einer Ethik, beherrschendes Prinzip eines bewundernswerten Gemeinsinns. Die letzten Jahrhunderte griechischer Philosophie, die in Skepsis und Eklektizismus gemündet, die verfeinerte Kultur einer den Idealen des freien Bürgertums untreu gewordenen Zeit hatten aber die Götter entthront, und mit der Scheu vor ihnen war, was an erhebenden und sittigenden Kräften in der Religion sich wirksam erwiesen, verloren gegangen. Doch zu tief wurzelt im menschlichen Herzen das Bedürfnis reli״ giösen Empfindens. Es müßte verdorren, wenn das Gefühl nicht Nahrung erhielte. Und diese Nahrung sucht es aus einer verwandten Quelle zu ziehen, aus den Tiefen, die das Reich des Schönen dem kundigen Auge und dem geschärften Ohr er-

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