Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292952--00999-2294246- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Abraham Berliners wissenschaftliche Wirksamkeit. 479 alten Schule erkennen. Ebenso war er von der höchsten Achtung vor allen unseren großen Alten erfüllt. Eine geradezu rührende Verehrung hegte er für R. Esriel Hildesheimer זצ״ל und vor dem ,.Lernen“ hatte er einen heiligen Respekt. Ein שיעורי entschuldigte das Fehlen bei seinen Vorlesungen, deren Versäumnis sonst keinem einfallen durfte, und die Schüler, die viel ״gelernt“ hatten, konnten darauf rechnen, daß er ihnen im Geschichtsexamen, das er sonst außerordentlich streng nahm. Fragen aus historisch-halachischem Gebiete vorlegte, damit die diesbezüglichen Antworten ihr eventuelles mangelndes historisches Wissen kompensieren könnten. Was ihn zu solcher Ablehnung und man kann sagen ungerechten Beurteilung der Kabbala führte, waren die Sektenbildungen und die verhängnisvollen politischen inneren Wirren, die in der jüdischen Geschichte, wir sagen als Begieiterscheinung, er meinte als Folgen der kabbalistischen literarischen Strömungen auf traten. Es ist sehr leicht für den, der seinen Blick oberflächlich über das Ganze schweifen läßt, von den häßlichen Zügen abzusehen. Es ist aber wohl verständlich, wenn auch nicht berechtigt, daß derjenige, der von Berufs wegen in all dem Schlamme wühlt, den z. B. allein die Bewegung Sabbathai Zebfls aufgerührt hat, der die gefährlichen Zuckungen sich immer wieder vor Augen führt, in welche die Pseudomessiasse Leib und Geist des jüdischen Volkes versetzten, daß ein solcher Gelehrter von tiefem Mißtrauen gegen die geistigen Kräfte erfüllt wird, aus denen diese Bewegungen z. T. ihre Nahrung gesogen. Das Gesagte genügt zur Erklärung von Berliners Abneigung gegen die Kabbala und einzelne in ihren Schriften begründeten Bräuche. Aber es kam noch ein anderes hinzu, das zur Erklärung seiner ״Reformvorschlage“ noch herangezogen werden muß. Berliner war von der großenBedeutungderhistorischenForschungen so durchdrungen, daß er in gewissen Ergebnissen, die er gefunden, ein Heilmittel gegen die zerstörenden das überlieferte Judentum untergrabenden Ideen der Zeit gefunden zu haben glaubte. Wer will derartige Gedanken dem von seiner Arbeit begeisterten Forscher verargen? Der Verfasser der דרדור! דזדאשובים Halevi hatte sicher nichts vom Zunftgelehrten an sich, und dennoch habe ich aus seinem eigenen Munde die Äußerung gehört: die jüdische akademische Jugend könne in ihrem religiösen Glauben nur geschützt werden, wenn sie aus dem Studium seiner Werke Grätz, Weiß us w. als Irr! eurer erkenne. Daß die heutige jüdische akademische Jugend ganz andere Sorgen hat, daß die moderne Naturphilosophie und Religionsgeschichte sogar an den Grundlagen der schriftlichen Lehre, ja an dem Glauben an Gott und seine Vorsehung rüttelt, zog er nicht in Betracht. In ähnlicher Weise glaubte Berliner durch gewisse Darlegungen alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt zu haben und nach dem Prinzip עת לעטות לדז׳ דזפרו תורתך dies Opfer im Kleinen der Erhaltung der gesamten Lehre bringen zu müssen.