Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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480 Abraham Berliners wissenschaftliche Wirksamkeit. Wir glaubten es dem Andenken Berliners schuldig zu sein, diese seine Einseitigkeit hervorzuheben, weil nur die Zeichnung charakteristischer Züge ein rechtes und das darum einzig würdige Bild eines bedeutenden Mannes gibt. Es hieße aber sein Andenken beleidigen, wollten wir um dieser seiner Äußerungen willen eine ״Ehrenrettung״ unternehmen. Deren bedarf der Mann nicht, dessen ganzes Leben in und neben seiner wissenschaftlichen Betätigung der Erhaltung und der Förderung des gesetzestreuen Judentums gewidmet war. Ich möchte hier zur Illustrierung die Worte einfügen, die ich gelegentlich seines 70 jährigen Geburtstages gebraucht: ״Von vielen Literarhistorikern des Judentums kann man sagen: sie sind gelehrte Juden, aber nicht jüdische Gelehrte. Von Berliner aber gilt: er ist ein jüdischer Gelehrter, ja er ist die ideale Verkörperung desselben. Den Typus des jüdischen Gelehrten zu schildern, ihn näher zu bezeichnen, wäre ein vergebliches Bemühen, denn seines Wesens Züge beruhen vornehmlich in dem, was wir nur nachzuempfinden, nachzufühlen vermögen. Die Vereinigung profaner Bildung mit altjüdischem Wissen erzeugt eine abgeklärte Lebensanschauung, die fromme Übung aller überlieferten Satzungen einen willensstarken, unbeugsamen Charakter, und die Wärme des religiösen Gefühls jene Anmut, die der Liebe wert macht in den Augen Gottes und der Menschen. So vermag auch nur derjenige Berliners Persönlichkeit zu werten, die Einheit in all der Vielheit seiner Betätigung zu erfassen, der ihn täglich zu sehen Gelegenheit hat. Viel mehr als aus seinen literarischen Werken lernt man ihn kennen, w׳enn man ihn als Synagogenvorsteher beobachtet, mit welchem חן er etwa die Einholung einer gespendeten Sefer-Thora arrangiert, oder wie er im Hörsaal vom Katheder herabssteigt, um eine historische Anekdote, die zum alten לכלדכות gehört, zu erzählen, oder wenn er in einer Sitzung in Vertretung seines Standpunktes in Feuer gerät . . . Und noch eine Illustration: Zunz und Berliner haben beide ein hohes Alter erreicht, ein an Erfolgen und Ehren reiches Leben genossen. Man lese nun den Briefwechsel zwischen Zunz und Kaufmann (Jahrbuch für jüd. Geschichte und Literatur Band VI S. 120ff.). Ein Klagen und Jammern des alten Zunz als ob er das Los eines Hiob teilte, jeder Frömmigkeit bar. Berliners letzte Worte dem Rabbiner seiner Gemeinde gegenüber aber lauteten: ״Ich danke Dir, Gott, daß Du mir ein so schönes Leben geschenkt.“ Das macht: Zunz war ein guter Jude, wie man wohl jetzt zu sagen pflegt, Berliner ein guter Jehudi, das ist der Unterschied. Und weil er ein so guter Jehudi war, darum war auch seine Wirksamkeit als Lehrer am Rabbinerseminar eine gottgesegnete. Auf den Mann, auf die Persönlichkeit, auf das Zentrum seiner jüdischen Lebensauffassung sahen die Schüler, und das war Geist vom Geiste des unvergeßlichen Begründers der Anstalt.