Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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473 Abraham Berliners wissenschaftliche Wirksamkeit. Bedürfnisse der blassen, sondern eine Reihe von Ideen, die er den Werken der Kabbala entnahm. Er hatte wie ,jede junge Bewegung das Streben, Schranken niederzureißen, und kein Geringerer als der Wilnaer Gaon ist ihm bekanntlich entgegengetreten. Aber gegen diesen inneren Gehalt des Chassidismus hat wahrlich der luann nichts einzuwenden gehabt, der nach einer Überlieferung von seinem vierzigsten Jahre an keine Zeile geschrieben, die nicht dem Gebiete der Kabbala gewidmet war. Was ist nun die Ursache, daß wir bei den jüdischen Forschern einer häufig geradezu an Idiosynkrasie streifenden Abneigung gegen die Kabbala und ihre literarischen Träger begegnen? Bei den einen ist es der durch und durch nüchterne Sinn, der ihnen alles, was geheimnisvoll ist, ja auch nur in den Tiefen der Gefühlswelt wurzelt, unsympathisch macht. Wir glauben, daß hier Steinschneider das beste Beispiel gibt. Es gibt in der ganzen jüdischen Geschichte wenige Ereignisse, die uns so ans Herz greifen wie Jehuda ha-Levis Wanderung nach dem heiligen Lande, da ein gefeierter Dichter, zugleich ein geistiger Führer seines Volkes sich von allem losreißt, um das Ideal zu verwirklichen, das er in seinem Lebenswerk begründet und besungen hat. Für Steinschneider ist das eine billige Gelegenheit, um dem ״mystischen Nationalgefühl“ einen Hieb zu versetzen’). Ein anderer Typ ist Grätz. Dem hat es wahrlich nicht an Empfänglichkeit gefehlt für das, was in denTief ender jüdischen Volksseele schlummert. Man wird in allem, was über jüdische Geschichte geschrieben ist, kaum ein Seitenstück finden zu Grätz' Einleitung in den vierten Band seiner Geschichte. Wer das schreiben konnte, den hat ein heißes Fühlen beseelt und dessen Inneres war aufgewühlt von allem, was sein Volk bewegte. Aber bei Grätz kam ein trotz aller Gefühls wärme merkwürdiger Hang zum Rationalismus hinzu, der ihn alles nach dem Maßstab eines Maimonides und Mendelssohn messen ließ. Und wenn schon eine Reihe unserer größtenMänner von ihmalsStocktalmudistenbeschimpft wurden, nur weil sie für das, was ihm wertvolle jüdische Literatur war: rationale Exegese, Religionsphilosophie, Dichtung u. a. kein Verständnis hatten, so kann man sich denken, welche Stellung er zu den Kabbalisten einnehmen mußte. Bei Berliner waren die beiden erwähnten Motive für seine Stellung zur Kabbala nicht maßgebend. Ihm war — was dem Leser seiner Schriften nicht so zum Bewußtsein kommt — ein heißes Fühlen eigen. Ja, man konnte in seinen Ansprachen und Gelegenheitsreden den Maggid der M Vgl. Steinschneider ״Die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters“ S. 402. Dort Amn. 227 wird auch David Kaufmann, gegen dessen Einzelforschungen auch vom strengsten wissenschaftlichen Standpunkt doch wahrlich nichts einzuwenden war, nur weil er sich der Bedeutung des Gefühlsmäßigen nicht ganz verschloß, mit einem Angriff bedacht.