Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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4 76 Abraham Berliners wissenschaftliche Wirksamkeit. gerecht, wenn man nur die halachische Seite berücksichtigt. Es kommt doch in ihm die Überzeugung zum Ausdruck, daß es sinnwidrig ist, die Aufgaben einer jüdischen Gemeinde, die vorwiegend der Erfüllung religiöser Pflichten dienen, von traditionsgläubigen Juden und Männern, die die Wahrheit der Tradition leugnen, gemeinsam lösen zu lassen. Über die Berechtigung des Austrittsgedankens und vor allem über seine Durchführbarkeit angesichts der Zusammensetzung unserer Gemeinden kann man streiten und wird gestritten. Aber die Gegensätzlichkeit betonen, wo es sich um praktische Arbeit handelt, und die Gleichberechtigung anerkennen dort, wo viel Größeres, die geistigen Grundlagen des über lieferten Judentums auf dem Spiele stehen, das ist und bleibt ein Widerspruch. Daß ihm dieser Widerspruch entging, war noch in einer besonderen Anlage begründet. Es ist schon verschiedentlich hervorgehoben worden, daß Berliners Stärke in der Detailforschung lag. Er hatte sich in seiner Arbeitsmethode an Zunz und Steinschneider und nicht an Grätz orientiert. Grätz’ Wort von Zunz’ mehr verwirrendem als aufhellendem Notizenkram ist sicher sehr ungerecht, insofern darin ein Werturteil über eine an Forschungen und Erfolgen so reiche Gelehrtenarbeit ausgesprochen ist. Aber Grätz hat hier in wohl verletzender, aber das Wesentliche hervorhebender Schärfe den Gegensatz zwischen seiner Art und der der anderen gekennzeichnet. Für die Wissenschaft sind beide Arbeitsmethoden erforderlich, die Entdeckertätigkeit des Erforschers der Einzelheiten und die zusammenfassende des pragmatischen Geschichtsschreibers. In den Persönlichkeiten des Forschers schließen sie zumeist einander aus. Das Auge, das gewohnt ist, sich auf bestimmte Punkte einzustellen und scharf zu sehen, hat nicht in gleichem Grade die Fähigkeit, sich das große Gemälde vor die innere Seele zu zaubern, wie das dem prägmatischen Geschichtsschreiber eigen ist. Diese Einseitigkeit des sich Vertiefens in die Einzelheiten, die eben Berliners Größe ausmacht, zeitigte auch den sogenannten Wahrheitsmut, mit dem er sich in einen Gegensatz zu den Gleichstrebenden gestellt haben soll. Gemeint ist seine Polemik gegen gewisse, auf kabbalistischen Anschauungen beruhende Bräuche und seine Äußerungen über das Unangebrachte in einzelnen Stellen des Gebetbuches. Dazu ein Wort über die Kabbala. Es erscheint nicht angebracht, sich über den Inhalt ihrer Lehren eingehend zu verbreiten. Nicht nur aus den Gründen, die in der Mischnah Chagiga II 1 angegeben sind, sondern weil in die Beihe der יודעי חץ nur eintreten darf, wer בלקא כרסו בט״ס ופוסקים von der Gesamtheit des halachischen Wissens völlig erfüllt ist, eine Forderung, der selbst in der osteuropäischen Judenheit nur wenige gerecht werden. Die Vorkämpfer der Kabbala, die ihre Legitimation aus dem Umstand schöpfen, daß sie einmal im Sohar lesen,