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Jeschurun · 1915-10-01 · Heft 10 (Oktober 1915) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 10 (Oktober 1915)
Date
1915-10-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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456 Biblische Motive in Goethes ״Faust“. wollen? In die Totenklage um Lord Byron hat sich das Motiv gedrängt, und diese Tatsache macht uns seine Stellung in der hellenischen Umgebung verständlich. Goethe hat in Byron das höchste dichterische Talent des Jahrhunderts begrüßt? aber geradezu mit ״Ehrfurcht“ die biblischen Werke dieses früh vollendeten Geistes betrachtet. Für ihn war Byron der Dichter, dessen Bestimmung die ״Dramatisierung des Alten Testamentes“ gewesen, dessen früher Tod diesen Dichtertraum, auf den er selbst verzichten muhte, vor dem Keifen vernichtet hat 1). In Euphorions Gestalt hat Goethe dem Dichtertalent Byrons und seinem tragischen Geschick ein Denkmal gesetzt and in feiner Charakterisierungskunst, die er oftmals übte, die Bedeutung Byrons für die Bibel angedeutet. Wir können diesen Zug in der Goetheschen Kunst oftmals treffen, wie er in der Würdigung großer Männer den Ton ihres eigenen Wesens sucht und glücklieh anschlägt. So schon bei dem ersten großen Anreger für altbiblische Dichtung, Herder. Als dieser dem Jüngling die ersten Lichter orientalischer Dichtung entzündete, und die jugendliche Seele nach weiterer ״Offenbarung“ dürstete, verlangte sie danach unter dem biblischen Bild: ״Ich lasse Sie nicht; Jakob rang mit dem Engel des Herrn, und sollt7 ich lahm darüber werden!“‘2) Und als ein Menschenalter später der Tod das alte Band völlig zerriß, ertönt wieder biblische Klage ״Herderist verzweifelndin die Grube gefahren“ 3). Vollends aber erscheint Herders Bild im ״Maskenzug“ (1818) ganz im Lichte des eigenen Wesens und Wirkens. Noch stärker entfaltete Goethe diesen persönlichen Zug seiner Kunst in der Würdigung Byrons. Als die biblischen x) Der Ausspruch, in dem Goethe dieses Urteil fällte, mag wegen seiner Bedeutung und andererseits wegen seiner geringen Verbreitung hier wörtlich nach der Aufzeichnung eines englischen Besuchers folgen: ״Goethe added: Byron should have lived to execute his vocation, to dramatise the Old Testament! What a subject under his hands would be the Tower of Babel!״ Goethes Gespräche ed Biedermann Bd V. S. 167. 2) Brief an Herder, Werke IV 1,284 3) Brief an Zelter.

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