Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Biblische Motive in G־oetl1es ״Faust“. 455 er die Weite der Erdenwelt überflogen und war dorthin nicht zurückgekehrt. Aber ״Kleid, Mantel und Lyra bleiben liegen“ ״Wolltest Herrliches gewinnen, aber es gelang dir nicht“, so singt der Trauerchor, läßt aber die Hoffnung erklingen, daß die herrlichen Graben des Jünglings, des ״schönsten Sterns des dichterischen Jahrhunderts“1), in einem neuen Erben erstehen werden. Der Todesruf des Kindes: ״Laß mich im düsteren Reich, Mutter, nicht allein“ zwingt dann auch Helena zum Abschied von der Welt. ״Sie umarmt Faust, das Körperliche verschwindet Kleid und Schleier bleiben Faust in den Armen“. Und einige Zeilen später gibt der Dichter selbst die Deutung: ״Helenens Gewände lösen sich in Wolken auf, umgeben Faust, heben ihn in die Höhe und ziehen mit ihm vorüber“. Hier lebt die Seele des biblischen Motivs. Wie Elisa mit dem Mantel seines Herrn auch dessen Geist über sich fühlte2), so sollte Helenens Gewand, das in Fausts Hand verblieb, ein Symbol dafür sein, daß sich der Ewigkeitskern hellenischen Wesens nunmehr harmonisch in seine nordische Natur gefügt hat. Uber viele andere Deutungsversuche dieser Episode hat schon der Dichter gelächelt; nur einem, der in unserem Sinne das Symbol erkannt und, wie es scheint, auch die biblische Quelle in den Vorstellungskreis gezogen, hat Goethe im bewundernden Ausruf zugestimmt. ״Die Mutter folgt dem Kind, und ihr Gewand bleibt in der Hand der Kraft, die es festzuhalten vermag, in der Hand Fausts, der dieses sich zum Wolkenwagen nun gestaltet, der ihn aufwärts trägt“3). So schrieb ein kluger Leser, der den Dichter mit diesem Wort für ״tausend alberne Dunstköpfe“ entschädigte. Es erhebt sich nun noch eine letzte Frage: wie gelangt -ein biblisches Motiv in jene Weit, von welcher der Dichter mit sorgsamster Mühe jeden nicht griechischen Zug hat ausschalten ב) Goethe von B3״ron. 2) vgl sowohl I. Kön 19,19 ff. als II. Kön. 2,8 u. 13 ff. 3) Näheres s. Witkowki II S. 131. 30