Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Biblische Motive in Goethes ״Faust“. Gewalt hervor: Geeifert habe ich für den Ewigen, den Gott der Heerscharen und nun . . .? Die Stimme des Herrn belebt und scheucht den Todeswunsch; in unserer Dichtung tönen aus der benachbarten Klosterkirche die Klänge der Osterglocken herüber und träufeln Balsam neuen Lebensmutes in das gequälte Herz. Zum Zeichen, daß sein Erdenberuf in seinem Jünger Elisa eine würdige Nachfolge erhalten hat, läßt ihm der Prophet vor seinem Scheiden den Mantel zurück1); mit ihm entfaltet Elisa die gleiche Macht wie sein Gebieter. (Die Disharmonie, die einen Samuel von Saul, nachdem dieser der Königswürde durch eigene Schuld unwert geworden, trennen mußte, enthüllt sich symbolisch in dem Riß des Prophetenmantels, den der sündige König ergreifen wollte, doch jetzt nicht mehr halten konnte 2). Wir glauben eine Entwickelung auch dieses Motivs in der Dich־ tung zu erkennen. Durch die Verbindung mit Helena, die in ihrer unvergäng־ liehen Schönheit als das Ideal der klassischen Antike erscheint, sollte Faust zu einer höheren Lebenssphäre emporgeführt werden. Es gelingt ihm, die Heroine aus dem Reiche der Mütter zu bannen und aus dem kurzen Blütentraum der Gemeinschaft die heiß begehrte ״Gesundheit antiken Daseins“ zu gewinnen, die seinem wildstürmenden Leben erst das rechte Maß gewährt3). Durch das Symbol des Mantels hat der Dichter deutlich gemacht, daß der Held sein Ziel erreicht hat, denn erst der Mantel, Helenas Vermächtnis, führen ihn mit Zauberkraft in die Heimat zurück, wo er dem Gipfel seines Tatenlebens geläutert entgegenstrebt. Weder Euphorion, der aus dem Bunde mit Helena entsprossen, noch die Mutter selbst können auf der Erde verbleiben. Der Knabe entschwindet zuerst. In unbezähmbarem Drange hatte 1) II. Kön. 2,13 2) I. Sam. 15,27. 3) Mehr kann hier über die Bedeutung des Helena-Aktes nicht gegeben werden; siehe Kommentare zu Faust.