Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Biblische Motive in Goethes ״Faust“. 451 So erscheint es als ein feiner Zug dramatischer Gestaltungskraft, wenn Faust in der Bibelübersetzung den Begriff des Logos mit dem Ausdruck jenes Ideals wiedergibt, zu dem er sich erst durch harten Lebenskampf emporringen muß. Nicht aas Wort, nicht der Sinn, auch nicht die Kraft, sondern die Tat mußte für den Dichter und seinen Helden als weltbewegende Idee am Anfang des Geschehens stehen, und indem Faust sich zu dieser Überzeugung bekennt, weist er schon jetzt, noch bevor der Kampf mit dem Verführer begonnen, auf das Endziel hin, das er, der Strebende, erst später für die Erlösung ergreift. (Wir wählten dieses Beispiel, weil es gleichzeitig zeigt, wie der Denker Goethe von dem neutestamentliehen ״Im Anfang war das Wort zu dem altbiblischen ״ בראשא בראIm Anfang war die Tat“ zurückgekehrt ist). Das der Prolog für die ״Idee“ des ganzen eine ähnliche Aufgabe erfüllen sollte, hat schon die Betrachtung der ״Hiob“־ Idee gezeigt. Oder lassen die Worte des Herrn auch nur den geringsten Zweifel, wer in dem Kampf zwischen ihm und dem teuflischen Verführer Sieger bleiben wird? Nun kann aber auch der Sphärensang der himmlischen Schar nicht opernhafte Einleitung sein; die ihm innewohnende Wahrheitskraft und vor allem die unendliche Bedeutung, die sie für den Dichter selbst besitzt, der als Denker mehr noch als Mensch den Leidens- und Läuterungskampf seines Helden gelebt, läßt solche Deutung nicht zu. Und daß in der Tat der Elijah-Gedanke für Goethes religiös-sittliches Fühlen ein nicht zu unterschätzendes Gewicht besaß, wollen wir nicht durch unsere Anschauung beweisen, deren Objektivität durch das Hinneigen zur biblischen Quelle vielleicht unbewußt erschüttert ist, sondern durch die Stimme eines völlig unbefangenen Ge- ]ehrten, dom wir das klassische Buch über ״Goethe als Denker“ verdanken. Hermann Siebeck erblickt bei voller Würdigung der Tatsache, daß Goethe in religiöserBeziehung verschiedene Bedürfnisse hegte ״und im wesentlichen eine Verschmelzung seines Naturpantlieismus mit dem Verlangen nach einem menschlichpersönlichen Verhältnis zu seinem Gott“ erstrebte, ״das Indi-