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Jeschurun · 1915-10-01 · Heft 10 (Oktober 1915) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 10 (Oktober 1915)
Date
1915-10-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Optimistische und pessimistische Weltanschauung. 447 war auch der Gedanke an die große Sendung Israels eine starke Stütze zur ruhigen und gelassenen Ertragung der schweren Schickungen des Lehens. Der Zweck des Menschen ist nicht der Genuß, nicht das ״Sichausleben“, sondern die Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit für die Heiligung des göttlichen Namens. In dieser unbedingten Pflichterfüllung selbst aber liegt hinwiederum ein so beseligendes Moment, daß die Leiden und Verfolgungen einen großen Teil ihrer Furchtbarkeit dadurch verlieren. — Wir haben es selbst erlebt, daß ganze Regimenter, den Tod vor Augen, singend in die Reihen der Feinde stürmten. Israels Söhne haben sich oft genug in der Geschichte als eine solche Schar von Gottes- Streitern bewährt, denen das Leben gering erschien, wo es die Ehre Gottes galt. Der sittliche Mensch, der sich als Träger einer großen Idee fühlt, empfindet die Verwirklichung dieser Idee als ein so hohes Glück, daß davor alle äußeren Güter ihren Reiz verlieren. Trotzdem ist der Gedanke der Vergehtung, des Zusammenhangs zwischen Tugend und Glück, im Judentum durchaus nicht von untergeordneter Bedeutung; denn er bildet einen Teil des sittlichen Bewußtseins, ein Postulat der göttlichen Gerechtigkeit. Diese Forderung aber findet ihre Erfüllung für den einzelnen in dem Glauben an עילם הבא, an die ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits, für die Gesamtheit in der Hoffnung auf ימית המשיח, auf die einstige Erlösung. Für die Pflichterfüllung selbst kommen freilich diese Momente durchaus nicht in Betracht; denn ״wir sollen nicht wie Knechte sein, die dem Herrn dienen in der Absicht, Lohn zu empfangen“. Der Optimismus an sich aber ist ein mächtiger Hebel für die kraftvolle Betätigung im Leben, ist geradezu eine Voraussetzung für die Förderung des kulturellen und sittlichen Fortschritts der Menschheit. Der Pessimismus kann, wie das Beispiel der Inder zeigt, höchstens zu einer Sittlichkeit führen, die sich im Leiden und Dulden äußert, der Optimismus allein gibt dem Menschen die Energie, schaffend und sittlich gestaltend auf das Leben einzuwirken.

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