Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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446 Optimistische und pessimistische Weltanschauung. gilt das Wort der Schrift: .,Die Torheit des Menschen verkehrt seinen Weg, und über den Ewigen ist sein Herz erzürnt“. Die Frage aber, warum Tugend und äußeres Glück so selten vereinigt sind, bedarf nach Maimonides gar keiner Rechtfertigung. Denn der Lebenszweck des Menschen auf Erden ist nicht der Besitz irdischer Güter, sondern die Vollkommenheit seines Geistes, die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu ihm, die von den äußeren Verhältnissen unabhängig ist: eine Auffassung freilich, die wohl den Philosophen, nicht aber den einfachen Mann aus dem Volke zu befriedigen geeignet ist. Eine besondere Betonung erfährt das Moment des Optimismus in den chassidischen Schriften. Der Chassidismus hat bekanntlich den Gedanken, daß ״die Herrlichkeit Gottes die ganze Erde erfüllt“, in einer an den Pantheismus streifenden Konsequenz zur Durchführung gebracht. In allen Erscheinungen der Natur und des Lebens offenbart sieh der allgütige Gott, und so sind auch die übel ihrem Zweck nach Wohltaten; nur kann sie der beschränkte Blick des Menschen als solche nicht erkennen. Der Optimismus ist aber nach chassidischer Auffassung für das ganze religiöse Leben von hoher Bedeutung. Denn eine wichtige Voraussetzung für den wahren Gottesdienst ist התלהבות, die feurige Begeisterung, die aber nur in freudig gehobener Stimmung erlangt werden kann. Trübsinn und Pessimismus lenken deshalb von Gott ab, Freude und innere Zufriedenheit führen zu ihm hin. Mit Recht bringt Schopenhauer überall den jüdischen Optimismus mit dem Theismus in Zusammenhang. Nur der tiefe Glaube an Gott, an die Beherrschung des Weltalls durch ein allweises und allgütiges Wesen gibt dem Menschen die Möglichkeit, die unendlichen Leiden des Daseins zu überwinden und dabei doch seine Frische und Lebensenergie zu bewahren. Auch die Überzeugung von der Unergründlichkeit des göttliehen Waltens läßt uns das Übel in der Welt in einem anderen Lichte erscheinen. Dem Kinde ist der Zweck einer Operation, die ihm vielleicht das Leben rettet, unverständlich; es merkt nur die Schmerzen, die ihm bereitet werden. — Für den Juden