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Jeschurun · 1915-10-01 · Heft 10 (Oktober 1915) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 10 (Oktober 1915)
Date
1915-10-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Optimistische und pessimistische Weltanschauung. 445 auch über die Leiden der Gerechten“. Aber der Eindruck dieses Mißverhältnisses wird gemildert durch den Hinweis auf die ausgleichende Gerechtigkeit im künftigen Leben. Und es liegt auch in dem natürlichen Verlauf der Dinge, in der relativen Selbständigkeit, die Gott dem Schöpfungswerke verliehen hat, daß nicht jeder den Lohn seiner Taten hier auf Erden finden kann לא בל אדם זוכה לשתי שלחנות Und einem Frommen, der in großer Armut lebte, wird auf seine Klage geantwortet: ״Wünschst Du etwa, daß Deinetwegen die Welt zerstört würde, damit Du in eine andere Konstellation hineingeboren werden kannst“? Nur in ganz außerordentlichen Fällen greift Gott wundertätig in das Getriebe der Welt ein; durch eine häufigere Durchbrechung der natürlichen Ordnung würde ja auch die Willensfreiheit gefährdet werden. Unter den späteren großen Denkern des Judentums hat sich besonders Maimonides mit dem Problem des Übels in der Welt eingehend beschäftigt. Er geht von der Anschauung aus, daß die Wrelt durchaus nicht, wie man gemeinbin annimmt, um des Menschen willen da sei, daß vielmehr jedes Naturding um seiner selbst willen geschaffen sei, wie ja auch jeder Teil der Schöpfung für sich selbst als ״gut“ bezeichnet wird. Demnach könne sogar, wenn im Leben des Menschen das Übel überwiege, daraus kein Schluß für die Beurteilung der Welt im ganzen gezogen wTerden. Aber auch die Leiden des Menschen stehen mit dem Grundsatz der göttlichen Güte nicht in Widerspruch; denn die Übel, die ihn vermöge der Naturnotwendigkeit treffen, seien nur in geringer Anzahl vorhanden und mit Itücksicht auf das Wohl der Gattung unvermeidlich, die meisten jedoch seien auf die Schuld des Menschen selbst zurückzuführen. Maimonides unterscheidet drei Arten von Übeln: die einen entspringen aus der Natur des Entstehens und Vergehens, die zweiten sind diejenigen, welche die Menschen sich gegenseitig durch Gewalt zufügen, und die dritten und häufigsten sind diejenigen, welche der Mensch durch eigene Schuld, durch Unverstand und Maßlosigkeit sich zuzieht, für die also Gott nicht verantwortlich gemacht werden kann. Von den letzteren

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