Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Optimistische und pessimistische Weltanschauung. 443 zweckentsprechend, über allen Schicksalen des Menschen erhebt sich in seiner Erhabenheit der Gedanke der Pfliehterfüllung: er ist der moralische Stützpunkt, der den Menschen stets aufrechterhält, der Rettungsanker, der ihn in allen Lebenslagen vor Verzweiflung bewahrt. Dieser Gedanke kommt auch in Koheleth zum Ausdruck. Koheleth ist der einzige jüdische Schriftsteller, den Schopenhauer öfters anführt. Er nennt ihn den ״genialen“, den ״zwar noch jüdischen, aber so pliilosophischen“. Aber in seiner eigentlichen Bedeutung hat er diesen Koheleth doch nicht begriffen. Gewiß sind alle Genüsse eitel; Koheleth streift den ganzen Blutenstaub des Lebens hinweg, nichts hält stand vor seinem kritischen Blick, alles ist eitel, aber eins bleibt zuletzt doch bestehen: ״Gott fürchte und seine Gebote beobachte, denn das ist der ganze Mensch“. Indessen hat der Gegensatz zwischen der theistiseh-optimistischen Anschauung und dem tatsächlich vorhandenen Übel die Weisen und die Denker des Judentums von jeher beschäftigt. Es handelt sich dabei nicht um die Frage nach dem Ursprung des Übels; diese Frage kann von dem glaubenstreuen Juden, der alles auf den einzigen Gott als Weltschöpfer zurückführt, gar nicht erhoben werden. Deshalb drehen sich die Erörterungen meist um das Problem, was der Zweck des Übels sei, warum die Leiden der Menschheit so groß, die Sünde und das Laster so verbreitet seien, und vor allem wie das Miß- Verhältnis zwischen Tugend und Glück zu erklären sei. Die letztere Frage finden wir schon bei den Propheten. So klagt Jeremia: ״Zu gerecht bist Du, o Ewiger, als daß ich mit Dir hadern sollte; aber vom Rechte möchte ich mit dir reden: Warum ist der Weg der Frevler glücklich, sind in Frieden alle die Treulosen“? Und Habakuk fragt: ״Du, reinen Blickes, daß Du nichts Böses schauest, und der Du auf Unrecht nicht zu blicken vermagst, warum siehst Du zu den Treulosen, schweigst, wenn der Frevler vernichtet den, der gerechter ist als er“? Auch der Psalmist fühlt sich immer und immer wieder gedrungen, seinem tiefen Schmerz über das Glück der Frevler und die Leiden der Gerechten Ausdruck zu geben. Am