Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1915-10-01 · Heft 10 (Oktober 1915) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 10 (Oktober 1915)
Date
1915-10-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2292929-2292942-2292952--00962-2294209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

442 Optimistische und pessimistische Weltanschauung. im Judentum gegeben. Die ungewöhnliche Gegnerschaft Schopenhauers gegen das Judentum aber hat ihre Wurzel in dem genußsüchtigen Pessimismus. ״Genußgier und Pessimismus, sagt ein bekannter Literarhistoriker, gehören zusammen wüc die Krankheit und das Symptom “. Wenn man von dem Grundsatz ausgeht, daß das Glück des Menschen von den positiven, den fühlbaren Genüssen bedingt ist. die ihm das Dasein bietet, und wenn man an diesem Maßstab das Leben mißt, dann muß man zum Pessimismus gelangen, dann muß man sagen, daß in der Tat die Leiden der Welt ihre Freuden bei weitem übersteigen. Aus einer solchen Vergleichung der Leiden und Freuden des Lebens hat nun auch Schopenhauer den Schluß gezogen, daß die Gefühle der Unlust und des Schmerzes an Zahl wie an Stärke weit mächtiger sind als die angenehmen Empfindungen, daß die Welt weit mehr und heftiger gequält als erfreut werde und man mit Petrarca sagen müsse: Tausend Genüsse können nicht eine einzige Qual aufwiegen. Kurz gesagt: die in der Welt vorhandene Summe der Unlust ist in jedem Augenblicke größer als die der Lust. ,,Das Wohlsein ist bloß negativ. Daher eben werden wir der drei größten Güter des Lebens, Gesundheit, Jugend und Freiheit nicht als solcher in ne, solange wir sie besitzen, sondern erst, nachdem wir sie verloren haben. Denn auch sie sind Negationen“. — Diese Schlußfolgerung geht von dem Gedanken aus, daß jeder Genuß, jede Freude den Charakter der Wollust haben müsse. Die Welt aber hat nicht genug solcher mühelosen, raffinierten und üppigen Genüsse, welche die Genußgier zu befriedigen geeignet sind; darum ist sie schlecht. Dieser Anschauung nun ist das Judentum allerdings diametral entgegengesetzt. Denn das Judentum betrachtet die Welt nicht als ein Mittel zur Genußbefriedigung, es erkennt in dem Leben vielmehr eine Aufgabe. Wir sind nicht hier auf Erden, um in dem Gefühle der Wollust zu schwelgen, um von einem Sinnenreiz zum andern zu eilen, sondern um uns als Menschen zu bewähren, um eine sittliche Vollkommenheit zu erlangen. Und darum ist auch das Leid als ein Mittel zur sittlichen Läuterung gut, d. h.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.