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Jeschurun · 1915-10-01 · Heft 10 (Oktober 1915) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 10 (Oktober 1915)
Date
1915-10-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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438 Optimistische und pessimistische Weltanschauung. führung doppelt schlimmen Verwüstungen in den unmittelbar betroffenen Gegenden, die Leiden der Bevölkerung, dazu die Qualen der Verwundeten, das Siechtum der Verkrüppelten, die in manchen Ländern aufs höchste gestiegene Not der Zurückgebliebenen, das zerstörte Gliiek zahlloser Familien, die mit Sorge und Verzweiflung in die Zukunft blicken. Und wenn auch das Bewußtsein, für eine große Sache zu dulden, vielen das Leid erleichtert, so ist doch die Begeisterung kein Gefühl, das für die Dauer auf bewahrt werden kann, während die zerstörenden Wirkungen auf Jahrzehnte hinaus sich fühlbar machen. Noch niederdrückender ist die Vernichtung moralischer Werte, die dieser Krieg gezeitigt hat. Alle die Errungenschaften der Humanität und des Völkerrechts, die man als gesicherten Besitz der Menschheit anzusehen gewohnt war, sind in Frage gestellt, es hat sich eine solche Summe von Haß, Gemeinheit Grausamkeit und Gemütsverrohung offenbart, daß der Genius der Menschheit trauernd sein Haupt verhüllen muß, und die Skeptiker können darin eine Bestätigung ihrer Ansicht sehen» daß eine stetige Entwicklung zu einer höheren Sittlichkeit überhaupt eine Utopie ist. Die Lebenserfahrungen des einzelnen sind für die Gestaltung seiner Weltanschauung häufig von ausschlaggebender Bedeutung. Wenn Schopenhauer von Natur zum Pessimismus neigte, so haben doch die trüben äußeren Verhältnisse, die herben Enttäuschungen, die er erfuhr, diese Neigung ohne Zweifel verstärkt und vertieft. Und auch bei den Völkern sehen wir den Einfluß großer nationaler Ereignisse auf die geistigen Strömungen. So hat z. B. die Enttäuschung nach den Stürmen des Jahres 1848, die Vernichtung der Ideale von Einheit und Freiheit in Deutschland eine Stimmung erzeugt, welche die Verbreitung des Schopenhauersehen Pessimismus mächtig förderte. Wäre die Weltanschauung des jüdischen Volkes ein Spiegelbild seiner geschichtlichen Erlebnisse, so müßte sie eine durchaus pessimistische sein. Wenn ein solcher Pessimismus im Judentum nicht zur Herrschaft gelangen konnte, so liegt die Ursache in seiner Glaubenslehre und ihrem alles durchdringenden

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