Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 93)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Erzählung aus dem Sohar. 433 Geschichte so manchen großen Kriegsgewinns; es gab damals und gibt heute Steinherzen und Basaltseelen — vergleiche den Korn- und Milch- und Gemüsewucher unserer Tage; es gab damals und gibt heute mehr als zuviel bel-amis und demivierges in allen Ständen und Kreisen — vergleiche den allnachmittäglichen Korso in der Tauenzienstraße zwischen Wittenbergplatz und Zoologischem Garten! Was damals nicht war und heute ist: Das Wort ,.Moral“ ist nicht mehr verpönt und ruft, wenn es ausgesprochen wird, nicht mehr das allgemeine Entsetzen von ehemals wach; die Moral zählt nicht mehr ohne weiteres zum genre ennuyeux, das der Intellektuelle mehr als den bürgerlichen Tod fürchtet; kurz, man darf das Wort auch in der ״Gesellschaft“ gebrauchen, ohne gleich als Hinterwäldler zu gelten und ״geschätzt“ zu werden. Das war damals wirklich anders: und im Gesichtsausdruck jener Tage war vielleicht gerade der Zug der allerunsympathischste, daß sie der Moral den Krieg erklärten nicht aus antiethischen, irreligiösen, asozialen Antrieben heraus, mit denen ein Sichabfinden, wie immer, möglieh war, sondern weil ihre Aesthetik vor dem Wort ein uniiberwindliches Grausen empfand und erst jenseits von Gut und Böse die Möglichkeit zum freien Menschen sah. Aus dieser Stimmung heraus entstand ja das schöne Wort von der ״Moralinsäure“, deren ätzender Gifthauch die Blumen am Wege des Lebens zu frühem Absterben bringt, nachdem sie ihnen schon vorher Farbe und Duft zerstörte. Was schierte darum den Vollzeitgenossen von damals der Tod, was ewige Verdammnis, wenn seine Lebensbetätigung nur sorglichst den breiten Weg satter bürgerlicher Moral vermied und in allem und jedem auf Messerschneide, hart am Pfade des verbrecherischen Instinkts« gestellt war?!. Von dem wiedergeschenkten Vorrecht, moralisieren zu dürfen. Gebrauch machend, möchte ich nun im Folgenden dem Leser dieser Zeitschrift die Bekanntschaft mit einer kleinen Midrascherzählung vermitteln, die ganz auf zarteste Moral- Wirkung gestellt ist. Ich vermeide jedes schmückende Beiwort, sicher, daß das geläuterte Urteil der Leser schon selbst das