Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292951--00928-2294174- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ans meinen Kriegserlebnissen 409 Glückliches Temperament der Kinder. Selbst dieses bitterste aller Gewerbe wissen sie sich amüsant zu machen. Wir biegen in ein großes Mietshaus ein, über einen Hof und eine Hintertreppe hinan, die mit allen Wohlgerüchen Polens erfüllt ist, und betreten eine nüchterne Wohnung. Eine Menge Chassidim hält sich in den kleinen Zimmern auf. Ein Diener bahnt uns mit Mühe einen Weg zum letzten Raume, in dem im Kreise seiner Söhne und einiger bevorzugter Schüler der Rabbi im Sabbat-Kaftan und hohen Streimel sitzt. Der Ernst der Zeit hält wohl die Sabbatfreude nieder. Es liegt eine schwere Stimmung über den Männern. Oben am Tisch der גדול. Dem Ansehen, das er genießt, entspricht nicht die äußere Erscheinung. Es ist ein alter, durch die Entbehrungen geschwächter Mann, hat er doch seit mehr als 40 Jahren von Sabbat zu Sabbat gefastet und nur abends etwas zugemessene Nahrung zu sich genommen. Doch sieht man seinen Augen und seinen Bewegungen an, daß er scharf jeder Wendung des Gespräches folgt, das heute, wie an j edem Sabb at, nur hebräisch geführt wird. Auf die Fragen des Feldrabbiners (es handelt sich um eine religionsgesetzliche Angelegenheit, die der zuständige Raw in der Nähe nur in Übereinstimmung mit dem גרול erledigen will) antwortet er leise und nur in Stichworten, die einer der Anwesenden uns näher erklärt. Die Menge draußen hat sich inzwischen neugierig an die Tür gedrängt, sie vermutet, daß der Rabbi eine Andeutung, ein רמז, auch über den Ausgang des Krieges, über ihre zukünftige Lage geben wird. Und so bricht plötzlich die Tür auf, und einige der draußen Stehenden erscheinen auf der Schwelle. Aber ein Wort des Rabbi scheucht sie zurück, und sie müssen sich damit begnügen, die Anwesenden nachher auszufragen. Er hat uns das רמז nicht gegeben. Das Ende des Krieges, die Machtverschiebungen der Völker dieser Welt, so scheint es auch, beschäftigen seine Gedanken nicht. Was die Alltagsmenschen erregt, ist ihm fremd wie Speis und Trank und Schlaf und die anderen Bedürfnisse der Erde. Er lebt einer Zukunft, vor der alle diese Kleinlichkeiten zusammenschrumpfen . . .