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Jeschurun · 1915-08-01 · Heft 8-9 (August 1915) · page 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 8-9 (August 1915)
Date
1915-08-01
Page
– (sequence 68)
Language
German
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408 Aus meinen Kriegserlebnissen. zu lose in der Scheide sitzt, sondern auch die. die klagen, weil sie nur die Schrecknisse verstehen, die diese Zeit mit sich bringt. In dem ״Nervenkriege des Schützengrabens״ verliert man manchmal diesen Gedanken an den Sinn des Krieges. Aber, als unser Trupp einmal in die Etappe zurückgenommen wurde, sah ich Landsturm-Soldaten auf den Feldern die Pflüge über das Land hinziehen und nahm es als gute Vorbedeutung. Viele jüdische Städte Polens liegen völligzerschossen da. nicht wenige, in denen buchstäblich nicht ein Stein mehr auf dem anderen steht. Die Bewohner irgendwohin geflüchtet, die Rabbiner meist nach Lodz, um dort im Kreise ihrer Getreuen das Ende des Krieges abzuwarten. Unter den Rabbis befindet sich auch einer aus Südpolen, der unter Chassidim als der גדול הדור gilt. An einem Sabbatnachmittag machten wir unseren Besuch bei ihm. Durch sonnige Straßen das tägliche Bild. Beschäftigungslose Müßiggänger verleihen der Stadt ein weltstädtisches Aussehen, und nur wer einige Zeit hier ist, weiß, daß die Leute sich herausgeputzt haben, nicht, um ihre Kleider spazierenzuführen, sondern weil die Alltagskleider abgetragen sind und für neue kein Geld da ist. Der Schritt der Landsturmkolonnen klirrt über das Pflaster. Zeitungsjungen laufen in gestrecktem Laufe die Straßen auf und ab, als gälte es ein "Wettrennen, und schreien am Nachmittage die ״Berrlinerr Abendpost von heute“ aus (das heißt die von gestern vordatierte). Bettelfrauen und -jungen folgen uns und wiederholen ihre immer in gleiche monotone Melodie gesetzte Bitte. Als wir um eine Ecke biegen, tun wir einen Blick hinter die Kulissen. Ein kleiner Junge steht auf dem Kopf und zwei andere sehen kritisch zu, ohne aber die Straßenecken aus dem Auge zu lassen. Sobald sie unser ansichtig werden, stellt der Künstler blitzschnell wieder auf den Füßen und zu Dritt gehen sie bettelnd neben uns her. Eine Minute später ist vermutlich die Vorstellung wieder im Gange.

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