Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus meinen Kriegserlebnissen. 405 Schocket und geistlicher Berater zurückkommt. Die Thora liest er ihnen hebräisch vor, einer von ihnen die Haftara russisch. Und russisch sind auch die Gebete, wörtlich aus unseren Siddurim übersetzt. Auf die Frage nach ihrem Familienleben höre ich, daß sie nur untereinander heiraten. Wir reichen uns zum Abschied die Hand. Eine kräftige, aufrechte Gestalt steht vor mir, man sieht und fühlt, daß der Mann und seine Vorfahren Bauern gewesen sind. Aber kein nationales Band knüpft sie an uns. Sie heiraten nur untereinander und lernen nicht hebräisch — weder körperlich noch geistig wird das Judentum ihnen etwas zu verdanken haben 1). Nach dem Kriege habe ich etwas Furchtbares kennen ge־ lernt: den Frieden. Den ..Frieden“, unter dem die Juden *) Wir glauben da dem geehrten Vf. widersprechen zu müssen. In einer der ergreifendsten Stellen seines Kusari läßt Jehuda ha-Levi dem König auf die Bemerkung, daß das Verdienst der Leiden Israels doch nicht so groß sei. da sie es nur gezwungen ertragen, antworten: ״Du hast unsere schwache Seite getroffen . . . Wenn der größte Teil von uns aus der Niedrigkeit Demut vor Gott gelernt hätte, so hätte uns der göttliche Geist nicht so lange verlassen. Aber nur der kleinste Teil von uns lebt diesen Sinnes. Und dennoch! Welches Verdienst ist auch der Mehrheit eigen! Trägtsiedoch das Joch der Verbannung ebenso sehr freiwillig wie gezwungen. Ein einziges Wort, mühelos gesprochen, würde ihr die Gleichberechtigung mit dem Bedrücker bringen. Dergleichen kann bei dein gerechten Lichter nicht verloren sein.״ Das sagte Jehuda ha-Levi in Verhältnissen, die gegenüber dem Druck, der auf der russischen Judenheit lastet, als goldene Freiheit gelten können. Und meinem solchen Lande, in dem der Jude Freiwild ist,der Spott und Hohn und das Ausbeutungsobjekt der niedersten Klassen, da nehmen, nicht weil sie in diesem Glauben geboren sind, nicht aus Furcht noch aus Pietät, sondern aus tiefer religiöser Überzeugung freiwillig ganze Scharen dies Martyrium auf sich für ihre eigene Person und für alle ihre Nachkommen. Für uns und sicherlich ebenso für den geehrten Vf. bedeutet das Erlebnis, das uns durch diese Mitteilung geworden, eine Bereicherung unserer religiösen Gefühle. Die Tatsache dieses Übertritts und die Existenz dieser Gemeinden wird fort und fort in uns weiter wirken, und darum verdankt das Judentum diesen Bauern mehr als vielen anderen, die als Helden unserem Volke angepriesen werden. Der Herausgeber.