Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292951--00923-2294169- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
404 Aus meinen Kriegserlebnissen. Die Internierten konnten nach ihrem Wunsch Gottesdienste abhalten. Am Wochentage sah man lauter einzelne Minjanim, an den Festtagen ging es feierlicher zu. An einem rOD-Tage durfte ich zuhören. Ein Maggid aus der Nähe von Wilna stand an der Misrachwand, neben ihm der Chasan, in dessen jedermann vertraute Melodien alle mit einstimmten. Das Gewehr in der Hand stand ich neben der Postenreihe, um an dem Gottesdienste teilzunehmen. Nur konnte ich mich nicht nach Misrach wenden, ich durfte den bewachten Feind nicht aus den Augen lassen. Und so sagte ich die קדושה nach, das Gewehr unter dem Arm und das blanke Bajonett dem Vorbeter zugekehrt. Im Lazarett für verwundete Hussen in Lodz. Ich gehe mit dem Feldrabbiner durch gepflegte Säle auf der Suche nach jüdischen Gefangenen. Treffen wir einen, dann leuchtet die Freude aus dem Gesicht. Auch sonst macht die Verständigung keine Schwierigkeiten, jüdisch sprechen sie alle. Nur bei einem ist es unmöglich, und der Inspektor muß als Dolmetscher vermitteln. Und da erfahren wir folgendes: Er stammt aus dem Gouvernement Wosonesch. Dort sind vor drei Generationen ganze Dörfer, darunter das seinige. zum Judentum übergetreten. Damals aber traf die Todesstrafe den, der aus der rechtgläubigen Kirche austrat. Die neuen Juden, denen es heiliger Ernst war mit ihrer Religion, hielten weiter ihre Heiligenbilder an der Wand und die Thora versteckt unter den Dielen. Die kommenden Geschlechter erst, die im Judentum geboren waren, bekannten sich offen zu ihrem Glauben, trotzdem sie bis heute von der Regierung verfolgt werden. Sie halten alle מצות peinlich genau. Der Inspektor sagt lächelnd, er würde es nicht wagen, durch eines ihrer Dörfer am Sabbat zu fahren, man würde ihn sonst steinigen. Unsere Feier- und Trauertage halten sie, deren Väter nicht, am Schilfmeer gejubelt und nicht an Babels Wasser geschwiegen haben. Aber hebräisch lernen sie nicht. Einer aus dem Dorf wird nach Wilna geschickt und lernt dort, bis er als Vorbeter,