Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292951--00922-2294168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus meinen Kriegserlebnissen. 403 Rus meinen Kriegseriebnissen. Von Lazarus Barth, Berlin z. Z. im Felde. Ich habe den Krieg in umgekehrter ]Reihenfolge kennen gelernt: erst das Gefangenenlager, dann das Schlachtfeld und zuletzt das Aufmarschgelände. Aber nicht nur aus diesem Grunde sind die folgenden Kriegserinnerungen unsystematisch; es sind nur einzelne Blätter aus einem Tagebuche. •35• * In einem deutschen Lager für gefangene Küssen. Gleich in den ersten Wochen nach der ]Masurenschlacht waren hier 8000 Mann eingeliefert worden. Auf den meisten Gesichtern malte sich höchst konzentrierter Stumpfsinn, als sie interniert wurden. Ein Gesindel aus allen Völkerstämmen Kußlands hatte sich hier zusammengefunden. Wer mit ihnen in Berührung kam, pries den modernen Krieg, in dem nicht die rohe Kraft allein mehr entscheidet, sondern der Geist. Der Geist der überlegenen Führung und der Geist, der in den Massen lebt, die in Keih und Glied stehen und marschieren. Wäre es anders — die Flut dieser Barbarenhorde hätte alles weggeschwemmt. Jedem, der durch das Lager geht, fällt eine Baracke auf. Sie war von der Kommandantur an den ימים נוראים den jüdischen Gefangenen zum Gottesdienste eingeräumt worden, und diese waren dann dort verblieben. Diese Leute sind jetzt in der Gefangenschaft zum ersten Maie in ihrem Leben freie Menschen. So abgesondert von den ״Kameraden“ sind sie frei von allen Anfeindungen, und ihr Haß erreicht sie nicht. Noch einen anderen Vorteil hatte diese Isolierung der Juden (die in einer ganzen Eeihe von Internierungs-Lagern durchgeführt worden ist). Sie erbrachte auch für den befangenen Beurteiler den Nachweis ihrer Intelligenz. Als den Leuten zum Schutz gegen Diebstähle und Verluste ihre Wertsachen abgenommen wurden und sie die Verzeichnisse anerkennen sollten, stellte sich heraus, daß weit über die Hälfte Analpha־ beten waren. Nur bei den Juden gab es fast keinen, der nicht schreiben konnte.