Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Grenzlinien zwischen den Begriffen Kodausch und Tabu. porentwickelung und Selbstläuterung; dagegen Tabu ein Ausfluß des menschlichen Ohnmachtsgefühls, das Bewußtsein der eigenen Schwäche. Kodausch eine Lebenserhöhung, Tabu eine Lebensverengerung. Kodausch ein freiwilliger Tribut mensch« licher Unterordnung unter eine geistige Allmachtsidee, menschliehe Größe an göttlicher Größe gemessen, daher ein Prinzip des Fortschritts: Tabu eine Frucht des Glaubens an Magie, des Aberglaubens, ein Prinzip, das jeden Fortschritt und jeden freien Gebrauch der Natur durch menschliche Energie bei wilden Stämmen unmöglich macht. Daher das unvoreingenommene Urteil von Robertson Smith: The taboo belongs to magical superstitions — the barrenest of all aberrations of the savage imagination — which, being founded only on fear, acts merely as a bar to progress and an impediment to the free use of nature by human energy and industry“1) (1. c. p. 154f.). Professor Freud gibt in seinem eingangs genannten Buche wie in allen seinen Schriften eine Fülle manchmal kühner, doch stets gedankenvoller Anregungen und Ausblicke sowohl an völkerpsychologischen Erfahrungen wie psychoanalytischen Beobachtungen. Jedoch seine Gleichsetzung von Tabu gleich dem hebräisch-biblischen Kodausch, ebenso wie die gleiche Behandlung der beiden Begriffe in der Encyclopaedia Britannica sind abzulehnen. ג) Tabu ist Zauberglauben — die unfruchtbarste aller Verirrungen der Phantasie der Wilden; auf bloßer Furcht begründet, bildet es bloß ein Hemmnis für den freien Gebrauch der Natur durch menschliche Energie und menschlichen Fleiß.