Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Grenzlinien zwischen den Begriffen Kodausch und Tabu. 365 der Unnahbarkeit und Abgeschiedenheit, machen ihn zum Gegenstand der Scheu für das Laienvolk. Die Gegenstände, die unter einen dieser Begriffe fallen, sind Eigentum einer Gottheit, ausschließlich ihrem Dienste geweiht und von profanem Gebrauch ausgesondert. So bedingen, ähnlich wie bei Kodausch, gewisse geweihte Personen und deren Umgebung, Hohepriester, Priester, Könige, Häuptlinge und deren Wohnungen den Zustand des Tabu an sich; auch was mit ihnen in Berührung kommt, wird selbst tabu. Auch haben die Priester das Hecht, gewisse Orte und Gegenstände durch Bann zu tabuieren, eine Analogie, die zwarnichtunseremKodausch,aberdem ההדס der Bibel entspräche. Dennoch aber können diese und ähnliche Momente keineswegs die Freud'־sche Gleichsetzung von Tabu dem Kodausch der Bibel rechtfertigen oder über die tiefe Kluft zwischen beiden hinwegtäuschen. Auf einige tiefgehende grundsätzliche LTnterschiede, ja Gegensätze sei im folgenden näher eingegangen. Betrachten wir zunächst die Einzelbestimmungen betreffs Tabu, wie sie in der Enc-yciopaedia Britannica (llth edit., 1911), Art. Tabu, gegeben werden. Zunächst überrascht uns hinsichtlich des äußerenCharakters von Tabu die Feststellung, daß dieser Begriff Tabu zwei Unterbegriffe umfaßt: Den Begriff heilig und den Begriff unrein. Daher bedingen gewisse körperliche Umstände wie Periode und Wochenbett der Frau, gewisse skabröse Gegenstände, wie Leichen von Mensch und Tier, den Zustand des Tabu vonselbst. Diese seltsame Bubrizierung der beiden Extreme: Heilig und Unrein unter einen Begriff Tabu erklärt sich nach Wundt1) aus dem Grundbegriff der Tabu-Vorstellung selbst: Tabu war alles, worauf ein Dämon, eine Zaubermacht ruhte, vor dessen Nähe oder Berührung der Mensch eine Scheu empfand. Was aber Scheu erregt, Heilig wie Unrein, davor schreckt der Mensch zurück, dessen Berührung meidet man naturgemäß. Aus diesem Mittelbegriff der Scheu und Nichtberührung seien dann die beiden Extrem-Begriffe: Heilig und Unrein (Scheu und Abscheu) Tabu zusammengewachsen. ף Zitiert bei Freud 1. c., p. 23f.