Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Grenzlinien zwischen den Begriffen Xodauscb und Tabu. Grenzlinien zwischen den Begriffen Kodausch und dem heidnischen Tabu. Von Oberlehrer Dr. Armin Blau, Hamburg. Über die Bedeutung und Herkunft des bei gewissen wilden Südseestämmen herrschenden Tabu war bis vor wenigen Jahrzehnten nur wenig Sicheres gesagt worden. Man hielt Tabu für einen Aberglauben, eine heidnische Satzung über die Heiligkeit und Unantastbarkeit gottgeweihter Gegenstände, vornehmer Personen und Orte. Seitdem ist das Wort in unseren Sprachschatz übergegangen. Auch haben Anthropologen and Völkerpsychologen, namentlich Wundt1), diesem Gegenstand ihre Aufmerksamkeit zugewandt; Robertson Smith2) beschäftigt sich in einer Vorlesung eingehend damit, und erst neuerdings hat der bekannte Wiener Psychoanalytiker Professor Freud dieser Frage einige Studien gewidmets). Dieser Gelehrte äußert daselbst (p. 16f.) nun folgende Ansicht: ״Das ayo^ der Griechen (das sacer der Römer), das Ko’dausch der Hebräer muß das Nämliche bedeutet haben, was die Polynesier durch ihr Tabu, viele Völker in Amerika, Afrika (Madagaskar), Nord- und Zentral-Asien durch analoge Bezeichnungen ausdrücken.“ In ähnlicher Weise stellt die Encyclopaedia Britannica, Artikel Taboo (auf den sich Freud vielfach bezieht), die beiden Begriffe Kodausch und Tabu als synonym, ja fast adäquat, ohne jede Einschränkung zusammen. Diese Ansicht darf u. E. in dieser Form nicht unwidersprochen bleiben und bedarf auf jeden Fall einer Berichtigung. Tatsächlich weisen die beiden religiösen Begriffe Kodausch und Tabu gewisse übereinstimmende Merkmale auf, die einen Vergleich angebracht erscheinen lassen. Beide Zustände, Kodausch und Tabu, umgeben den Träger mit einem Mantel ב) Völkerpsychologie, Band II,!Religion und Mythus II, p. 300f. 3) Religion of tlie Semites, Lecture IV., p. 150, London 1894. 3) Totem und Tabu, Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker, von Prof. Dr. Sigmund Freud, Wien 1913.