Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292951--00877-2294123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
358 Der Gott der Gerechtigkeit. aussprechen, deren Erfüllung zum Nachteil des Nächsten ausfallen muß. Um ein banales Beispiel zu gebrauchen: Die Bitte um Regen oder Sonnenschein, Kälte oder Wärme wird verschieden laut werden, je nach der Erwerb Stätigkeit der einzelnen, und doch hängt Glück und Unglück zahlreicher Familien von der Erfüllung ab. Im Judentum ist diese Schwierigkeit dadurch gelöst, daß alle kodifizierten Gebete Gemeindegebete sind. ״Das betende Ich“ ist ein ״Wir“. Die Gemeinde in ihrer Gesamtheit betet wie um die Begnadigung mit geistigen Gütern so um die Spende der irdischen 1). Sie überläßt damit die Erfüllung der Einzelwünsche der ausgleichenden Gerechtigkeit Gottes. Gott ist auch im innigsten Gebet als Vater-König gedacht, der sein Augenmerk darauf richtet, daß keiner seiner Kinder zu Unrecht bevorzugt wird. Auch die Völker sind Gottes Kinder. Er liebt sie alle wie ein Vater, aber er liebt sie nach der Gerechtigkeit, Er wägt einem jeden zu nach seinem Tun. Die Kriegsgebete sind keine Entwürdigung des reinen religiösen Empfindens, wenn sie als Gebete der Völkergemeinde angesehen werden, wenn wir in Gottes richtende Hand unsere Sache legen, daß Er an uns nicht tue nach einer bestochenen Liebe, sondern nach Schuld und Verdienst und daß Er, der Allgerechte und Allwissende, den rechten Ausgleich schaffe. Wir können nicht um den Frieden beten, in dem Augenblick, da wir in die Schlacht ziehen. Wohl aber um den Sieg, auch wenn wir dessen eingedenk sind, daß der Gegner in demselben Augenblick die gleiche Bitte an Gott richtet. Denn wir rufen da nicht zu dem liebenden Gott, dessen Liebe die beiden Gegner in gleicher Weise umfaßt. Wir rufen die Gerechtigkeit Gottes an, daß Er zwischen uns und unseren Gegnern richte und mit uns tue nach seinem Willen. Ich weiß wohl, daß nicht überall in diesem Geiste gebetet wird. Aber die Religion ist nicht verantwortlich, wenn ihre Forde- 1j Das Hauptgebet der Christenheit das ״ Vaterunser K, von dem das gleiche gilt, geht bekanntlich in fast allen seinen Bestandteilen auf jü־ dische Quellen zurück.