Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gott der Gerechtigkeit. 355 jeden Überschwang der Leidenschaft ist. Und endlich die fast ununterbrochene Siegeslaufbahn der eigenen Heeresmacht gab ihm die seelische Überlegenheit, in der Wut und Haß nicht gedeihen können. 3. Nicht nur in unser Verhalten zur Menschheit bringt die Richtschnur der Gerechtigkeit das rechte Maß, auch unsere Gottesidee vermögen wir angesichts dieses Krieges vor Angriffen, die von der nichtgläubigen Welt und aus dem eigenen von Zweifeln beunruhigten Inneren sich erheben, nur dann zu schützen, wenn wir sie ״heiligen durch die Gerechtigkeit“, d. h. wenn wir als die Spitze von Gottes Vollkommenheit, die zugleich die Wurzel aller Entfaltungen seiner göttlichen Vorsehung ist, die Eigenschaft der Gerechtigkeit ansehen. Den religiösen Halt vermag uns in diesem Meer von Leiden, das uns umbraust, nicht der Gedanke an die Liebe, nur die Vorstellung von der Gerechtigkeit Gottes zu geben. Wie allein können wir für unser religiöses Empfinden aber diesen Gedanken fruchtbar machen? In der Entscheidung, die der Weltkrieg über das Schicksal der Völker fällen wird, ein Gottesgericht zu sehen und das gerechte Walten Gottes hier aufzuzeigen, läge nahe. Aber das steht uns jetzt nicht an. die wir z. Z. von Sieg zu Sieg schreiten und sicherlich unüberwunden aus dem Ringen hervorgehen werden. Wir mögen von der Gerechtigkeit unserer Sache noch so sehr überzeugt sein, aber daß wir als einzelne oder Volksgemeinschaft vor Gottes Richterstuhl rein befunden wurden, das mag der Fremde loben, in unserem Munde wäre es der Ausdruck der Selbstgerechtigkeit■. Und haben nicht auch die künftigen Sieger unendliche Opfer gebracht, bluten wir nicht aus unzähligen Wunden, ist der Jammer und das Leid, das auch den Deutschen in diesem Kriege geworden, zu schildern, ja auch nur auszudenken? צדוק הדין müssen wir üben, d. h. die Gerechtigkeit Gottes anerkennen und unsere Leiden als Folgen unseres Handelns betrachten. Das Leid des einzelnen muß hier außer Betracht bleiben, wir kämen da zu tief hinein in das Problem der Theodicee.