Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gott der Gerechtigkeit. 353 diese Überzeugung eine Folge reiflicher Überlegung sein oder dem Überschwang ihres Gefühlslebens entspringen. Für alle unsere Gegner ist das subjektive Bewußtsein von der Gerechtigkeit ihrer Sache nachzuweisen. Für die Engländer ist es in dem ebenerwähnten Aufsatz geschehen. Die Furcht vor der deutschen Invasion hatte sich aller Gemüter bemächtigt, und sie sahen in der Verfolgung des österreichischserbischen Konflikts nur den gesuchten Anlaß zu dem längst geplanten Überfall. In Rußland gelang es der Regierung, dem Volke, dem die längst vollzogene teilweise Mobilisierung verheimlicht worden war, die Überzeugung beizubringen, daß der deutsche Kaiser mit der Kriegserklärung das russische Reich gegen seinen Willen in den Krieg hineingezogen. Frankreich sah sich gezwungen, die Bundestreue zu wahren, Japan vergalt nur, was ihm von Deutschland nach seinem Kriege mit China angetan worden war. Serbien glaubte seine Souveränität, Belgien seine Neutralität verteidigen zu müssen. In den Köpfen der Italiener muß es zwar sehr eigentümlich aussehen. Wir können es nun einmal nicht verstehen, wie sie die Gerechtigkeit ihrer Sache sich zurechtlegen. Aber daß es geschieht, ist kein Zweifel. Ein ganzes Volk oder auch nur ein großer Bruchteil eines Volkes kann nicht in einen Krieg gehen mit dem Bewußtsein einer verworfenen Gesinnung und verwerflichen Handlungsweise. Und so haben denn auch sie sich das vermeintliche Unrecht, das ihnen von Österreich angetan sein soll, so lange vor Augen gehalten, daß sie selber daran glauben. Das Beispiel der Italiener zeigt freilich zugleich am deutlichsten, wie sehr das Urteil über die Gerechtigkeit einer Sache unter dem Einfluß des Gefühls, in diesem Falle der Liebe zum Vaterlande, stehen kann. Aber eben dies muß ein Ansporn sein für jeden Menschen, der aus der Flut des allgemeinen Völkerhasses sich retten will, nach dem objektiven Maßstab der Gerechtigkeit zu streben. In allen Ländern, daran zweifeln wir nicht, gibt es eine große Anzahl solcher Männer. Es ist nur Charakterschwäche, aber menschlich begreiflich, wenn sie sich mit ihrer Meinung nicht in höherem Maße hervorwagen. Es ist eben