Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Der Gott der Gerechtigkeit. Gebots der Feindesliebe auch in dieser Zeit aufrechterhalten, indem man an die Arbeit des Roten Kreuzes für die Verwundeten, an die edle Behandlung der Gefangenen erinnert. Aber das ist doch eine gründliche Entstellung der ursprünglichen Idee der Feindesliebe. Den 'überwundenen Feind nicht als Feind anzusehen, ihn in seiner Not nicht zu kränken, das ist ein natürliches und berechtigtes Gebot des Sittengesetzes. ״Siehst du den Esel deines Feindes erliegen unter seiner Last, daß du es nicht unterlassest, ihm aufzuhelfen!“ heißt es in der Bibel. Aber so ist es nicht bei dem Gebot der Feindesliebe gemeint. In diesem Sinne würden gerade die Engländer das Gebot aufs strengste befolgen. Wie ausgezeichnet haben sie es verstanden, den von ihnen, oft mit den schmählichsten Mitteln, besiegten Völkern, — man denke nur an den Burenkrieg — liebevoll entgegenzukommen, und wie freundschaftlich würden sie 1ms behandeln und uns vielleicht noch anderen gegenüber beistehen, wären wir der überwundene Feind. Aber Gerechtigkeit können wir auch dem Feinde zollen. Das schließt nicht aus, daß wir, wie es der Reichskanzler so treffend gesagt, ihm mit heiligem Zorne entgegentreten. Der Zorn, entsprungen aus dem Bewußtsein, wieviel Unrecht man in Wort und Tat erlitten, ist nichts Unsittliches. Aber der Haß erniedrigt den Menschen, und er kann nur dort keine Stätte finden, wo das Streben herrscht, ein gerechtes Urteil über die Motive und die Handlungsweise des Feindes zu fällen. Wir haben in dem Aufsatz ״Das große Hassen“ gezeigt, daß der Haß gegen das Schlechte und gegen die, welche das Prinzip des Schlechten gewissermaßen verkörpern, ein Gebot der Sittlichkeit ist. aber ebendaselbst darauf verwiesen, daß die Verkörperung des Schlechten sich nur auf wenige beschränkt, die aus rein selbstsüchtigen Motiven mit dem Leben von Hunderttausenden gespielt, die aus Habgier, Ehrgeiz, Neid und persönlicher Eitelkeit die Völker in diesen Krieg hineingehetzt. Für die weitüberwiegende Masse aller unserer Gegner steht es fest, daß sie von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt sind, mag