Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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348 Der Gott der Gerechtigkeit. Auf den Kosmopolitismus und das Humanitätsideal um die Wende des 18. Jahrhunderts, die in der klassischen Philosophie und Dichtung Deutschlands ihren höchsten theoretischen, in der französischen Devolution und den Kapoleonischen Kriegen ihren gewaltigsten praktischen Ausdruck fanden, die aber die ganze Kulturwelt in ihren Bann zogen, folgt das Zeitalter der nationalen Selbstbesinnung, der schroffen Betonung des Eigen- Charakters eines jeden Volkes, der Rassentheorien und Rassenkämpfe, der Forderung, die noch so weit verstreuten Splitter eines Volkstammes zu sammeln u. s. f. Auch hier haben zwei Völker aus einem berechtigten Kern dieses Ideals Bleibendes und Segensreiches geschaffen, Deutschland und Italien wurden ein Einheitsstaat. Aber das Nationalitätsprinzip hat immer weitere Kreise gezogen. Im Panslawismus schuf es eine Idee, welche die kulturell am tiefsten stehende Macht zur Weltherrschaft stachelte und in den kleinen und kleinsten Staaten, Volks- und Sprachstämmen entfesselte es einen Kampf Aller gegen Alle. Und die Folge? Die Brutalität dieses Weltkrieges! In der nationalen Überreizung, in dem Fiber der Über- Spannung ״völkischer“ Ideale hat dieser Krieg zwar nicht seine letzten Wurzeln, aber aus ihnen saugt er zum Teil seine Kraft, mögen die Ursachen, wie immer bei weltgeschichtlichen Ereignissen, auch noch so vielfacher Art sein. Eine treffliche Illustration, wie die Brutalität aus der Nationalität geboren, gibt uns der Anlaß des Krieges und das Eingreifen der letzten europäischen Großmacht in den Kampf. Der Fürstenmord, von nationalem Fanatismus angestiftet, steht am Anfang und der sadistische Wahnwitz Italiens, um der ״nationalen Ideale“ willen den schmählichsten Verrat zu begehen und in dem Meer von Blut unterzutauchen, steht am vorläufigen Ende. In der Tat! Humanität — Nationalität — Brutalität! Und doch ist Humanität Liebe und Nationalität Liebe. Nur sind sie nicht die rechte Liebe. Das Zeitalter der Humanität war sicherlich erfüllt von einer großen Idee; aber diese Idee der allumfassenden Menschenliebe, die an dem Wohl des eigenen Volkes keinen Anteil hatte, konnte keine Früchte bringen.