Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Date
- 1915-08-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gott der Gerechtigkeit. 347 auf diese kurze Formel ist das ganze Buck Hiob, die Psalmen und alle anderen Stellen der Bibel zu bringen, in denen mit diesem Problem gerungen wird. Aber wiederum diese Liebe wurzelt in der Gerechtigkeit Gottes. Der Knecht Gottes, der Liebling muß sich im Leid bewähren, in dem Ihm Nahestehenden will Gott sich geheiligt sehen. Wem viel gegeben, von dem wird viel gefordert. II. Diese Andeutungen müssen genügen. מדת הדין וטרח הרהטים Gerechtigkeit und Liebe sind immer in Gottes Walten verbunden. Aber die Gerechtigkeit bestimmt den Grund und das Maß der Liebe, sie ist das oberste und letzte Prinzip. Und für die Menschen, die in den Spuren Gottes wandeln sollen, gilt das Gleiche. Auf die Grundeigenschaften Gerechtigkeit und Liebe lassen sich alle Gefühle und Triebe, alle Willensregungen und Handlungen des Menschen zurückführen. Aber die Liebe wurzelt in der Tiefe des Unbewußten, sie kann die Dämme durchbrechen und, indem sie eine falsche Hichtung einschlägt, zum Verderben werden. Die Gerechtigkeit ist ihrer Natur nach normgebend, sie wird nur erfaßt im klaren Denken, sie setzt Grenzen und bleibt selbst in ihren Schranken. Das ist die jüdische Anschauung von dem Verhältnis der Gerechtigkeit und Liebe in Gott und von der Stellung, die diese sittlichen Ideale im Leben des Menschen einnehmen müssen. Der große Zusammenbruch aller Ideale im Leben fast aller Kulturvölker, ein Zusammenbruch, wie er wohl kaum in der Geschichte zu verzeichnen ist, ist ein großer Beweis für den absoluten Wert dieser Anschauung. Denn weil die Liebe nicht begrenzt und beherrscht war von der Gerechtigkeit, darum ist dieser Krieg ausgebrochen, hat^er solche Ausdehnung angenommen, den furchtbaren Haß der beiden Völkergruppen gegeneinander großgezogen und die Achtung vor allem, was sonst sittlich galt, untergraben. Grillparzer hat für die Geschichte der Kulturwelt die Entwickelung in drei Worten vorausgesagt: Humanität — Nationalität — Brutalität. Ein wahrhaft prophetisches Wort!