Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1915-07-01 · Heft 7 (Juli 1915) · page 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 7 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
– (sequence 47)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2292929-2292942-2292950--00857-2294102
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der neunte Ab. 339 der Gesamtheit der Juden nur Schaden bringen kann? Wer wirklich als Jude fühlt, den schützt sein Verantwortlichkeitsgefiihl vor jeder taktlosen Überschreitung dieser Grenze Zangwill scheint eine Ausnahme zu machen. Man kann diesem Vorkämpfer für die jüdische Sache nicht gut das Gefühl für die Interessen des Judentums absprechen. Aber ich habe diesen großen Dichter als Charakter nie anders genommen als die Verkörperung der Figur des Melkizedek aus seinen ״Kindern des Ghetto“, problematisch in seinem Fühlen und Wollen. Seinen Lohn hat er dahin. Ein führendes englisches Organ hat ihm als Juden das Recht abgesprochen, sich über die Deutschen zu entrüsten. Erfreulich ist es. daß so ziemlich die gesamte jüdische öffentliche Meinung Ernst Lissauer mit seinem Haßgesang gegen England abgeschüttelt hat. und bedauerlich bleibt es nur. daß wir uns in der Vergangenheit eines Ernesto Nathan gerühmt. Es kann nicht gut ausgehen, wenn man Männer, die von dem Geist des wahren Judentums keinen Hauch verspürt, nur weil sie eine hohe Stellung einnehmen, für die jüdische Gemeinschaft in Anspruch nimmt. Zurückhaltung müssen wir fordern auch für jede Auseinandersetzung darüber, wie das Los der Judenheit sich in der Zukunft gestalten wird. Sie ist zwecklos, denn wir können hier noch weniger erraten als über die Lage der Großmächte nach dem Kriege. Und sie ist zweckwidrig, denn jede Andeutung kann da von unermeßlichem Schaden sein. Daß wir. wie überall in den Beziehungen der Völker zu einander und in ihrem inneren Leben auch hier einer großen Umwälzung entgegengehen, ist keine Frage. Es scheint, als ob auch dieser neunte Ab den Abschluß einer großen Periode dar stellt, wie seine Vorgänger. Der erste machte der politischen Selbständigkeit des Judentums für immer ein Ende, der zweite entwurzelte die Juden aus der letzten Statte, in der sie Thoraleben und die Kultur ihrer Umgebung zu einer Einheit hatten zu verschmelzen suchen. Die politische, kulturelle, religiöse Not des Judentums hat jetzt wieder ihren Höhepunkt erreicht, und der letzte neunte Ab stellt uns wieder vor einen Abgrund.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.