Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Biblische Motive in Goethes ״Faust“. bereiten und nimmt ihm im Kusse die Seele. Kein Zweifel, daß Goethe in der Grablegung, im Ansturm der vier grauen Gestalten die alte Tradition bewußt oder unbewußt verwertet hat. Durch sein liebevolles Versenken in die Seele des israelitischen Führers hat er seines Wesens Kern so tief erfaßt, daß er in der eigenen dichterischen Ausgestaltung seinen Helden im gleichen Licht erblickt wie die Weisen des Talmud, wenn sie im dichterischen Bestreben die Person ihres großen Lehrers auszuschmücken suchen. Wir lesen dort *): מפני מה נתאוה משה לכנס לארץ?. Warum hatte Mose Sehnsucht, ins heilige Land einzuziehen??ובי לאכול מפריה ולשבוע מטובה היה צריך. Wollte er etwa seine Frucht genießen, sich sättigen an seinem Guten? אלא אמר משה אכנס לארץ כרי שיהיו מצות נעשות על ירי Nein, Mose sprach: Ich will das Land noch betreten, daß dort das Gesetz erfüllt werden möchte. Die Parallele ist hoch bedeutsam. Fausts Abschiedswort gilt mit Recht als Höhepunkt des großen Gedichtes, und sein ethischer Gehalt wird mit dem gleichen Recht als unantastbares Heiligtum gewürdigt. ״Höheres gibt es nicht, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen zu nähern und von hier aus die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht zu verbreiten2״). Eine solche Lehre konnte in der weltlichen Dichtung sich erst als Blüte einer mehr־ tausendjährigen Entwickelung zeigen; welcher Stolz für den seiner Tradition ergebenen Juden, daß in schlichter Form, ganz versteckt, der gleiche Gedanke fast selbstverständlich vor Jahr־ tausenden schon aus dem Munde der jüdischen Weisen gesprochen, gedacht und gelebt war. Es nimmt der deutschen Dichtung nichts von ihrer Größe, daß Fausts Ideal das gleiche ist wie das des jüdischen Propheten: Beide sind sie von der Sehn־ sucht nach schöpferischer Tätigkeit — jeder in seinem Sinne — erfüllt, inmitten eines nach dem Höchsten strebenden Volkes die Früchte eigenen Wirkens reifen zu sehen. Hier treffen sich die Gipfel menschlich höchster Lebenswahrheit; aus dem gleichen Grundkreis emporgewachsen, wuchsen sie in der Höhe zu einem ״ragenden Siegeszeichen'״ ineinander. נ) Sota 14. 5ל Beethoven, Zitiert nach Tonger Bd. I.