Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292949--00803-2294047- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
286 Biblische Motive in Goethes ״Faust“. hat man längst erkannt. Wir wollen unter Benutzung der Burdachsehen Ergebnisse die Analogien näher ausführen. Wenn am Schluß der Tragödie Lemuren dem Verstorbenen das Grab bereiten, himmlische Engel mit feindlichen Dämonen. den Sendlingen des Teufels, um die Seele des Toten bis zum Siege kämpfen müssen, so erkennt man deutlich die Nachwirkungen altjüdischer Midraschim. Es kommt hinzu das übereinstimmende Motiv der Herstellung des Grabes durch Mitwirkung von Geistern. Es besteht drittens eine Ähnlichkeit darin, daß der hundertjährige Faust wie der hundertundzwanzig Jahre alte Moses dem Tod Widerstand leisten, der nur durch geisterhafte Mächte gebrochen wird. Es findet sich ferner ein Parallelismus, insofern Faust wie Moses in ihrer schöpferischen Vollkraft, im unverdunkelten Besitz ihres Geistes sterben mit dem sehnsuchtsvollen Blick in das erhoffte nahe Zukunftsland, im Vorgefühl der sicheren Erfüllung des Ideals, das selbst zu erreichen ihnen doch versagt bleibt, und endlich: beide, Faust und Moses, sterben mit einem Vermächtnis auf den Lippen. Die beiden letzten Übereinstimmungen sind entscheidend. Hier lebt die Seele der Sage vom Tod des Moses. Diese Seele hat Goethe ergriffen und seine Phantasie zur Nachgestaltung angeregt. Faust gleicht dem Begründer des jüdischen Staates, dem Gesetzgeber und Bildner der sittlich-religiösen Existenz des jüdischen Volkes, dem Bevollmächtigten und Sprecher Gottes, dem priesterlichen Führer Israels; er stirbt auf der Höhe eines titanischen Lebens, von Gott gerufen, von Gott bestattet; er sieht das Land der Verheißung zum Greifen vor sich, aber er selbst kommt nicht hinein, und im Scheiden denkt er nicht mehr an sich, sondern der kommenden Geschlechter, denen er ein Gesetz sittlichen Lebens hinterläßt1). Diese innige Kenntnis der Mose-Dichtung bezeichnet Burdach mit Hecht als ״ein Bestandteil jenes andächtigen, nie ganz verlöschenden Werbens um das Verständnis des Orientsu, und er verfolgt dies Interesse für Moses durch Goethes ganzes ף Burdach S. 378: