Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1915-06-01 · Heft 6 (Juni 1915) · page 41

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 6 (Juni 1915)
Date
1915-06-01
Page
– (sequence 41)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2292942-2292949--00802-2294046
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Biblische Motive in Goethes ״Faust“. 285 Vor allem das äußere Bild. Mose auf dem Berg; die Herrlichkeit Gottes will er schauen; so Faust der Sonne Glanz. Und als sie an seinem Auge vorüb erstreicht, bedeckt sie sein Auge mild; so wird auch Faust genötigt, den Blick zur Erde zu senden, ״zu bergen sich im jugendlichsten Schleier“. Dann schaut er ihr nach, der enteilenden Wolkensäule, wie Faust dem Wassersturz, der sich über die Felsen wölbt. Spricht hier ״des bunten Bogens Wechseldauer“ beruhigend zu dem Gemüt, so klang dort aus dem Feuerschein das Gotteswort in des Propheten Seele. Fürwahr in all diesem hat nicht des Zufalls Spiel gewaltet; wie sollte der Dichter, dessen klarer Blick die Perlen der Bibel so sicher erkennt — durch sie sich so oft zur Nachahmung bewogen gefühlt, an einer der ״erhabensten“ unbereichert vorübergegangen sein? Noch überzeugender tritt uns das biblische Vorbild in der Sterbeszene entgegen. Nach allen Irrungen hat Faust endlich für ״sein Wirken im höchsten Sinne den Boden gefunden. Nicht unfruchtbares Forschen nach den Urrätseln aller Dinge, nicht der Sinnengenuß, nicht das bunte Treiben am Hofe konnte ihm Genüge geben, auch nicht der beseligende Bund mit Helena, der nach kurzem Glücke zerrissen wurde“1). Als hundertjäh־ riger steht Faust an der Grenze seines Lebens. Von der Pforte seines Palastes schaut er hinab auf das Gewühl der Menge. ״Wo früher der unfruchtbare Meeresstrand sich dehnte, erstrecken sich nun blühende Gefilde, durch Dünen geschützt, die Geister und Menschen in seinem Dienste mit rastloser Arbeit bei Tag und Nacht aufgeführt haben“ 1). Und wie das Geklirr der Spaten, das Kunde gibt vom emsigen Schaffen des Volkes, an sein Ohr dringt, da leuchtet das Hochziel seines Strebens im Abschiedswort zum letzten Mal auf. Daß ״der große tiefernste Augenblick, wo Faust voll gewaltiger Pläne dem Alter zum Opfer fällt, an den sterbenden Moses gemahnt“ 2), ף Witkowski, Goethes Faust II S. 123. *) a. a. O. S. 370.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.