Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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284 Biblische Motive in Goethes ״Faust“. In engster Anlehnung an ein *Wort der Thora הנסחרות לה' א' והנגלת לני hat Goethe einmal aus dem eigenen faustischen Lebenskampf die Lehre gezogen : ״Das höchste Glück des denkenden Menschen, das Erforsehliche zu erforschen und das Unerforschliche ruhig zu verehren.״ Was Mose in seinem Spruch als Weisheitswort seinem Volke gekündet, hat sich auch in seinem Geiste als das Ergebnis eigenen Kämpfens ge־ bildet. Auch in seiner Brust hat der Trieb gelebt, bis zu den letzten Grenzen zu dringen, bis zur Gottheit selbst. הראני ״ נא את ככרךLaß mich doch deine Herrlichkeit schauen״ war sein Sehnen und Flehen. Die Antwort seines Gottes versagt den Wunsch und gewährt ihm trotzdem Erfüllung. Mose erfährt, daß der sterbliche Mensch das Antlitz der Gottheit nimmer zu schauen vermag, mit dem ״Bücken44 d. h. den irdischen Spiegelungen sich bescheiden müsse. Weil aber in den Grenzen dieser Erkenntnis die beglückendste Wahrheit sich birgt, die Wahrheit von dem Gotte der Liebe und des Erbarmens, der seine Milde und Güte allen Erdenkindern spendet, deshalb ist Moses Sehnen gestillt, und der Kampf in seiner Brust zur Buhe gebracht. Er, der in seinem ״Feuereifer״ den Thron des Allmächtigen selbst fast berühren wollte, weiß nunmehr, daß er Befriedigung und Glück in den Schranken irdischer Wirksamkeit finden werde, auf jenen Pfaden, die von der unendlichen Liebe Gottes, von seiner ״langmütigen und sanften Natur441) bestrahlt werden. In diesem Bewußtsein findet Mose Mut und Kraft, den Höhenweg seines Lebens und Strebens dem sicheren, erreichbaren Ziele entgegenzuführen. In dieser Beleuchtung1) hatte Herder früh das Auge Goethes auf jene ״einfache Gottesgeschichte״ gelenkt, die, so rief er bewundernd aus, an erhabener Größe kaum von einer zweiten erreicht worden ist. Kein Wunder, daß der Dichter den tieferen Kern erfaßt und in seine Dichtung verwoben hat. Doch auch die Einzelheiten der Erzählung haben sich so fest seinem Sinne eingeprägt, daß auch sie in der Faustszene wirken. *) Herder, Geist der ebr. Poesie. H. Teil.