Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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282 Biblische Motive in Goethes ״Faust“. abgelehnt, die Ergebnisse der Untersuchung, die in der ersten der ״zwo biblischen Fragen" wiederkehren1), mit ihrem Schild zu decken. Auch in späteren Arbeiten hat der Dichter nach wissenschaftlicher Methode den Pentateuch, besonders das Leben Moses bearbeitet. Dem Dichter Goethe trat gerade durch diese Tätigkeit das Bild des Propheten immer näher, und immer reiner spiegelte es sich in seiner Seele. Gewisse Züge seines Lebens und Wesens haben nicht nur einzelne Motive in den Werken beeinflußt (Prometheus. Hermann und Dorothea), sondern werden von Goethe mit ausdrücklichen Worten als schönes Mittel zur ״Veredelung“ eigener Gedanken gepriesen und verwertet2). Und so hat Mosis Gestalt auch die Faustdichtung in bedeutsamer Weise gefördert, und zwar an zwei Kernstellen des großen Gedichtes, im Sonnenaufgangsmonolog des zweiten Teiles und in der Sterbeszene am Abschluß des Werkes3). Aus der Tiefe des Kerkers hat der Herrscherruf des Bösen Faust von der trüben Stätte hinweggeführt, an welcher das Opfer seiner Schuld in verzweifelndem Schmerz der Todesstunde harrt. Schon jetzt ist aber das Band, das den irrenden Menschen an seinen Dämon fesselte, gerissen. Die Schauer des Ortes, die wirren Laute des gepeinigten Kindes, der lockende Huf des Verführers, das Stampfen seiner höllischen Rosse — solchen Mächten gegenüber konnte die wunde Seele ihr besseres Fühlen, Mitleid und Reue noch nicht siegreich entfalten, und so triumphiert der Verführer. Und doch hat der Held mit dem Willen zur guten Tat den Abgrund verlassen. Ganz im Sinne des großen Königsberger Philosophen, der in seinem ethischen Hauptwerke an erster Stelle die Lehre verkündet, daß ״nichts in der Welt ohne Einschränkung könnte für gut gehalten werden als allein ein guter Wille“. Weil aber das menschliche Leben den Konflikt zwischen dem gewollten und dem erreichten Ziel notwendig enthüllt, suchte der Dichter, von religiösem ג) Ygl. Scherer, Aus Goethes Frühzeit S. 14. 2) Weimarer Ausgabe Bd. 37. 3) Von den kleineren Anklängen und Bildern sehen wir hier ab.