Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Rabbi Jochanan ben Saikais letzte Bitte an seine Schüler. 277 suchte, was noch gerettet werden konnte und gerettet werden mußte, so wurde und wird zum Teil die Schuld an dem Untergange der heiligen Stadt dem großen Meister in die Schuhe geschoben. Blättern wir nun in den Annalen der jüdischen Geschichte, so fällt uns die verschiedene Auffassung in der Beurteilung der gleichen Handlung zu verschiedenen Zeiten besonders auf. Als nämlich Sancherib Juda bedrängte, so erzählt die heilige Schrift (2. Kön. XVIII, 13 ff.), da ließ ihm König Hiskija sagen: ״Ich habe gefehlt! Ziehe wieder ab von mir; was du mir auf legen wirst, will ich tragen.“ Hiskija erkaufte den Brieden um den Preis von dreihundert Kikar Silber und dreißig Kikar Gold. Er gab dem König von Assur alles Silber, das sich im heiligen Tempel und in seiner Schatzkammer vorfand. Ja, er riß sogar des Gold von den Türen und Pfosten des Tempels ab und sandte es in das feindliche Lager, um dadurch den Zorn des Feindes zu besänftigen. Daß Hiskija sich an den Tempeltoren vergriffen, wird zwar von unseren "Weisen (Pesachim56a) leise getadelt ולא הודו לו. Aber weder in alter noch in neuer Zeit hat man dem König Hiskija, weil er dem Feinde nicht mit den Waffen in der Hand "Widerstand geleistet, des Hochverrats beschuldigt. König Hiskija wollte nichts anderes als das, was später Kabbi Jochanan ben Sakkai vergebens erstrebte, nutzloses Blutvergießen verhindern. Er wußte, daß er dem Feinde nicht gewachsen war, und daß er ihm auf natürliehen! "Wege nicht besiegen konnte. Darum griff Hiskija nach anderen Mitteln, um den Frieden zu erhalten. Wie die Sonne, wenn sie in der Abenddämmerung hinter den Bergwipfeln zu verschwinden droht, dem menschlichen Auge etwas größer erscheint als am hellen Mittag, so erscheint auch der von der Welt scheidende Geistesheld, der einer Sonne gleicht und von seinen Zeitgenossen am hellen Tage nicht ganz erkannt wird, den Nahestehenden in der späten Stunde, wenn sein Leben zu Ende geht, größer als sie ihn vorher ahnten. Die Sonne ist in ihrer wirklichen Größe uns unsichtbar und in ihrer gewaltigen Dimension unvorstellbar. Noch weniger ver- 19