Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Rabbi Jochanan ben Sakkais letzte Bitte an seine Schüler. genossen hart verurteilt und selbst noch in unserer Zeit von einem bekannten Schriftsteller als Verräter seines Volkes gebrandmarkt. Es wurde ihm vorgeworfen, daß er nur für die Religion, aber nicht für das Land eingetreten sei, weshalb ihn der Verfasser der ״Kinder des Ghettos“ zum ״Vater der Antizionisten“ stempelte (vgl. Stenogr. Prot, des V. Zion.-Kongr., 1901, S. 325 u. des VI. Zion.-Kongr., 1903, S. 132). In Wirklichkeit aber ist Rabbi Jochanan ben Sakkai ebenso sehr für das Land wie für die Religion eingetreten״ Er erkannte jedoch die Überlegenheit des römischen Feindes, und daß jeder Widerstand nur gleichbedeutend mit einem nutzlosen Blutvergießen wäre. Mit seinem scharfen Geiste sah er aber voraus, daß die Epoche der politischen Herrschaft des Gegners vorübergehen und die Juden als Nation von ewiger Dauer sein würden. Deshalb riet er von dem Widerstand mit den Waffen ab, wenn nur die Kultur und die Religion seines Volkes unangetastet blieben. Als Rabbi Jochanan ben Sakkai alles verloren sah, so wird uns in Aboth di R. Nathan (IV) berichtet, rief er den Einwohnern Jerusalems zu: ״Warum wollt ihr diese Stadt zerstören und den Tempel verbrennen? Der Feind verlangt ja nur von euch einen Pfeil oder eine Lanze (Unterwerfung) und ist geneigt abzuziehen.“ Sie aber antworteten: ״Wie wir seine zwei Vorgänger besiegt haben, werden wir auch ihn besiegen.“ Seine Ratschläge wurden also zurückgewiesen, und er begab sich heimlich in das römische Lager, um die Thora und damit auch ihren Träger, das jüdische Volk, vor dem bevorstehenden Untergange zu retten. Und für diese Heldentat wurde er geschmäht! ״Alles ist vom Glücke abhängig“, sagen unsere Weisen. Wenn es durch die Unterwerfung der Stadt Rabbi Jochanan ben Sakkai gelungen wäre, dem nutzlosen Blutvergießen ein Ende zu bereiten, dann wäre er sicherlich nicht als ein ״schlechter Politiker“ (V. Zion.-Kongr. S. 145) bezeichnet worden. Seine Diplomatie wäre später gewiß auch von seinen Gegnern bewundert worden. Da aber seine Ratschläge keinen Anklang fanden, und er nur das zu retten