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Jeschurun · 1915-06-01 · Heft 6 (Juni 1915) · page 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 6 (Juni 1915)
Date
1915-06-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
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Die Selbstüberwindung Josephs. 273 seines Vaters, das vor ihm aufsteigt, rettet ihn. Wird nun durch eine derartige Schilderung von Josephs ursprünglichem Schwanken, wie unsere Weisen sie geben, sein Andenken nicht geschmäht, sein Charakter nicht verunglimpft? Schudt (Jüd. Merkwürdigkeiten II, VI. Buch 18 Cap. § 20) ist empört über die Juden, daß sie dergleichen von Joseph denken: ״Es ist in aller Welt die Zucht und Ehrbarkeit Josephs berühmt, daß er auch als ein Muster und Bild der Keuschheit leuchtet, und dennoch mögen diese lose Leute ihn der Unzucht beschuldigen, denn die Zenorenna fol. 28, Col. 4 schreibet: Der Chaskuni (so eine Auslegung ist über die V Bücher Mosis) schreibet, daß er nach der Gemara (in dem Traktat Sota) den Ehebruch mit dem Weibe des Potiphar begehen wollte1).״ Natürlich, Schudt konnte es nicht verstehen, aber wir verstehen es: die heiligen Schriften haben uns daran gewöhnt, in ihren Personen Menschen zu sehen, die auch ihre Fehler und Schwächen haben, Menschen mit Leidenschaften und Trieben, und wenn der eine oder der andere einer Schwäche unterlegen wäre, so hätte sie es uns nicht verheimlicht, wäre Joseph unterlegen, auch dies wäre uns gemeldet worden. Joseph hat gesiegt, nichtsdestoweniger läßt uns die heilige Schrift, wie sie unsere Weisen richtig deuten, eine zeitweilige Hinneigung Josephs zur Sünde aus ihren Worten durchblicken. Wir kennen eben keine makellosen Heiligen, wie sie dem Gedankenkreise Schudts entsprechen, die aber in sich unmögliche und darum unwahre Gestalten sind. Wir erblicken gerade in der Schwäche Josephs seine Kraft, in dem Entschluß zur Selbsterniedrigung, die aber nicht zur Ausführung gelangte, seine Größe. Wäre Joseph ein über jede Leidenschaft erhabener, gegen sie abgestumpfter Mensch gewesen, was wäre von ihm Großes zu rühmen? Daß er der Versuchung wider standen? Könnte man in diesem Falle von einem Widerstande, von ג) Wir haben die Zitierung Schudts hier wörtlich wiedergegeben ז weil sie typisch ist für seine Kenntnis der jüdischen Quellen: Zeenu ureena, auch der Name dieses Buches ist nicht einmal richtig angeführt, das Jüdisch-Deutsch geschriebene Buch vermittelt dem Verf. die Kenntnis von der jüdischen Literatur. Kostbar!

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