Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Die Selbstüberwindung Josephs. Glühende Farben hat W. van Mieris verwendet, den Moment im Bilde festzuhalten, in dem die Frau des Potiphar den vor ihr fliehenden Jüngling an seinem Gewände packt, um ihn in ihre Arme zu zwingen. Was an Überredung alles vorangegangen sein muß, Joseph in ihre nächste Nähe zu locken, das lesen wir in diesem Bilde, es muß ein plötzlicher Entschluß gewesen sein, der den Jüngling seine Selbstbeherrschung gewinnen ließ1). Der im Jahre 1175 zu Schiras geborene Dichter Moslicheddin Sadi hat diesen Stoff in seinem ״Gulistan“ zu einer artigen Fabel umgearbeitet: Josephs engelgleiche Schönheit habe die Frau des Potiphar, Zuleika, in ihren Bann gezwungen. Da aber diese Liebessehnsucht bekannt wurde, so hatten alle Frauen schlecht von diesem Weibe gesprochen und hatten sie geschmäht. Zuleika wollte sich nun an den Weibern der Stadt rächen und lud sie zu einem Gastmahl ein. Nach der Mahlzeit bekommt jede der Eingeladenen eine Zitrone und ein Messer, sie aufzuschneiden, vorgelegt, und während die Frauen mit dieser Frage beschäftigt sind, tritt auf Geheiß seiner Herrin Joseph plötzlich herein, um am Tische das Wasser zum Händewaschen herumzureichen. Wie elektrisiert starren die Frauen auf den schönen Jüngling und sind so außer Fassung, daß sie sich in die Hände schneiden und das Blut herunterträufelt. Auf die Frage Zuleikas, warum sie denn statt der Zitronen in ihre Hände schneiden, antworten sie ganz aufrichtig, daß die Schönheit des Jünglings sie so verwirrt hätte. ״So hat die Liebe zu seiner Schönheit mein Herz zerschnitten“, gesteht nun Zuleika, und die Frauen machen Joseph Vorwürfe über seine Kälte gegen die Liebeswerbungen seiner Herrin. Auch R. Maier ben Jizchak, gen. der Vorbeter, der kurz vor Sadi lebte, hat dieses Motiv in seiner Josephdichtung benutzt. In seinen erklärenden Sprüchen zum Targum der נ) Verschiedene Künstler haben diese Episode aus der Geschichte׳ Josephs als Vorwurf zu einem Gemälde genommen. Das oben erwähnte scheint wohl das gelungenste zu sein. Vgl. G. Kutna ״Die Josefgeschichte bildenden Kunst“ in Ost und West 1909. Nr. 1.