Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Selbstüberwindung Josephs. 26^3 sie dann die Nichtanwesenheit ihres Hausgesindes als günstige Gelegenheit benutzt, um von ihrem Diener durch den Zwang zu erreichen, wozu er nicht freiwillig sich ihr fügen will, wie er sich dann losreißt, und wie sie dann, den Spieß umkehrend, ihren Diener der versuchten Vergewaltigung bei ihrem Gemahl anklagt, der ihn zur Gefängnisstrafe verurteilt. Nichts weiter wird berichtet. Wäre es der Bibel um eine schöne und fesselnde Erzählung zu tun gewesen, wie hätte sie ausgeschmückt werden können. Nur eines dürfte auffallen: wo wir eine nähere Kennzeichnung hätten erwarten dürfen, da fehlt sie, und wo wir sie nicht erwarten, da findet sie sich. Des Weibes Schönheit ist mit keinem Strich gekennzeichnet, davon hätte uns doch als von dem Verführungsmittel etwas gesagt vrerden sollen, so könnte man meinen; hingegen wird vom Manne, über den man dergleichen Bemerkungen nicht erwartet, uns mitgeteilt: ״und Joseph w׳ar schön von Gestalt und schön von Ansehen*‘. Nur einmal kommt es noch vor, daß das wohlgefällige Aussehen eines jungen Mannes gerühmt wird: ״Und er (David) war rötlich, hatte schöne Augen und war schön von Ansehen“ (1. Sam. 16. 12). Hier soll aber nur gesagt werden, daß trotz des jugendfrischen kindlichen Aussehens dieser Knabe von Gott zum einstigen Führer des Volks, und nicht einer der älteren Brüder männlich imponierender Erscheinung, bestimmt worden war. Denn: ״Nicht wie der Mensch, der nach dem Äußern sieht, urteilt Gott.“ Aber die Hervorhebung der Schönheit Josephs ist nicht grundlos; wie wir weiterhin sehen werden, ist sie von Bedeutung für die richtige Erkenntnis unserer Erzählung. Eine schlichte, knapp gehaltene Erzählung, die aber gerade durch ihren Mangel an bilderreicher Ausschmückung dem Künstler und dem Dichter Baum für prächtige Farbengebung und dichterische Ausgestaltung gibt und dem Denker anreizt, die Handlung psychologisch zu deuten. Und in der Tat haben Künstler. Dichter und Denker sich dieses dankbaren Stoffes bemächtigt.