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Jeschurun · 1915-06-01 · Heft 6 (Juni 1915) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 6 (Juni 1915)
Date
1915-06-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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254 Der ewige Friede. Die Feindesliebe als Grundlage des Verhaltens aller zu allen ist eine solche Forderung, und darum hat der Pentateuch nicht diese, sondern die Nächstenliebe als Religionsgesetz verkündet. So kann auch das Judentum den ewigen Frieden, der. wie wir sahen, in einer Welt irdischen Wirkens unerreichbar ist, nicht als religiös-ethisches Ideal anerkennen. 3. Als Forderung der religiösen Ethik begegnet uns der ewige Friede weder in Bibel noch in Talmud und Midrasch. Wird er aber als erstrebenswertes Ziel angesehen? Wird er als Glück vorgestellt? Und wird der Krieg als Unglück beklagt und als Strafe empfunden? Es ist sehr schwer, auf Grund unseres Schrifttums darauf eine glatte Antwort zu gehen. Sehr leicht machen sich’s wieder manche Vertreter der religionsgeschichtlichen Schule. Nach ihnen war Israel z. Z. seiner politischen Selbständigkeit ein kriegerisches Volk, wie nur irgend eines seiner Umgebung. Erst nach dem Erstehen der Weltmächte und den furchtbaren Schicksalsschlägen, die es von diesen erfahren, nachdem es sich seiner Ohnmacht als winziger, unbedeutender Staat be־ wußt geworden, der ein Spielball der starken Völker in seiner Umgebung werden mußte, da predigten seine Propheten und Weisen den ewigen Frieden als einen Idealzustand, der einst Wirklichkeit werden sollte. Also weil ihm die Trauben kriegerischer Erfolge zu hoch hingen, erklärte Israel sie für sauer, genau so wie auch heute die Friedensbestrebungen in den kleinen und wehrlosen Staaten ihre Haupt Verfechter haben. Es wäre nicht schwer zu zeigen, daß diese Behauptung gerade nach den bibelkritischen Theorien, nach denen die jüdischen Literaturdenkmäler z. T. in eine sehr späte Zeit herabgesetzt werden, nicht aufrechtzuerhalten ist. Dafür ist hier nicht der Ort. Wahr ist vielmehr, daß ebenso, wie heute, auch in unserem Schrifttum seit uralter Zeit zwei Auffassungen sich geltend machen, daß je nach den Umständen, je nach dem Ziel, das zu erreichen, nach der Aufgabe, die dem Volk gestellt war, nach dem Geschick, das ihm zuteil wurde, der Krieg gepriesen oder verwünscht wurde.

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