Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Der ewige Friede. menschlichen Denkens nicht restlos zu erfassen sind. Aber sie kann nicht wider vernünftige Lehrsätze aufstellen, Sätze, die in sich einen Widerspruch enthalten. Ein solcher Satz wäre die Lehre von der Herrschaft des ewigen Friedens in einer Welt, in der das Böse nicht ausgerottet ist und nicht ausgerottet sein kann und darf, weil das Böse — wie bekannt — als metaphysisches, physisches und moralisches Übel allein den Fortschritt in dieser Welt ermöglicht. Nirgends ist darum auch in der Bibel und in unserer nachbiblischen religiösen Literatur von dem ewigen Frieden als von einem Zustand die Bede, den die Menschheit im natürlichen Verlauf der Dinge erreichen würde. Die Voraussetzung ist immer ein wunderbares Eingreifen Gottes und infolgedessen eine Umwandlung der Zustände auf Erden, die völlig neue Bedingungen für das Zusammenleben der Menschen schafft. Die Theologen der religionsgeschichtlichen Schule haben — zum Teil — die Idee der messianischen Zeit mit der des Universalismus identifiziert, und von jüdischer Seite hat Hermann Cohen diese Gleichstellung zum Angelpunkt seiner Auffassung vom Wesen des Judentums gemacht. Aber das ist grund־ verkehrt. Der Universalismus der Propheten, der — trotz aller Behauptungen entwickelungsgeschichtlicher Theorien über das "Wesen des Prophetismus — allen Propheten eigen ist, hat mit der Verkündigung des messianischen Zeitalters gar nichts zu tun. Der Prophet der Kapitel 40 — 66 im Buche Jesajah, der als sogenannter Deuterojesajah nach der Meinung jener religionsgeschichtlichen Schule der Schöpfer und am meisten beredte Verkünder des Universalismus sein soll, weiß von einer messianischen Zeit, in der ein allgemeiner Völkerfriede herrschen soll, gar nichts zu berichten. Es ist eine ganz willkürliche Konstruktion, daß die Idee des einen Gottes die Idee der einheitlichen Menschheit geschaffen und daß die allgemeine Menschenliebe und im Gefolge dessen die Idee des ewigen Friedens aus der rein monotheistischen Gottesauffassung einer späteren Zeit sich entwickelt hat. Dafür kann neben dem erwähnten Beweise aus dem Schweigen des vermeintlichen Hauptverkünders